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Rheinland-Pfalz
Mehr Eltern im Land verlieren das Sorgerecht

Christian Zainhofer, Landesvorsitzender des Deutscher Kinderschutzbundes.
Christian Zainhofer, Landesvorsitzender des Deutscher Kinderschutzbundes. FOTO: picture alliance / dpa / Frm
Bad Ems/Mainz. In fast 800 Fällen haben rheinland-pfälzische Eltern im vergangenen Jahr das Sorgerecht für ihre Kinder verloren. Unter der schwierigen Situation leiden oft beide Seiten.

(dpa) Die Zahl der Eltern in Rheinland-Pfalz, die das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren, ist gestiegen. Im vergangenen Jahr zählte das Statistische Landesamt in Bad Ems 786 Fälle, bei denen das Sorgerecht entweder teilweise oder ganz entzogen wurde. Ein Jahr zuvor waren es noch 722 Fälle. Das Sorgerecht erhielt entweder das Jugendamt oder jemand Drittes als Vormund oder Pfleger, teilte das Statistische Landesamt gestern mit.

Für viele Eltern bedeutet der Verlust des Sorgerechts eine schwere Zeit: „Klar, wenn sie ihr Kind weggenommen bekommen, ist das eine seelische Belastung“, sagte Christian Zainhofer, Vorsitzender des Kinderschutzbundes Rheinland-Pfalz. Einige seien zwar einsichtig, vielen sei es allerdings nicht bewusst, dass etwas falsch laufe. Der Sorgerechtsentzug werden dann als massiver Eingriff verstanden.

Die Reaktionen der Eltern reichen dann nach den Erfahrungen des Landesjugendamtes in Mainz von der scheinbaren Teilnahmslosigkeit oder einem Schock bis hin zu Verzweiflung. Teils würden auch Mitarbeiter des Jugendamts oder anderen Beteiligte bedroht.



Für die Kinder ist die Trennung von den Eltern eine schwierige Situation. „Das ist natürlich ein sehr beeindruckendes und manchmal traumatisierende Ereignis“, sagte Zainhofer. Viele wollten gar nicht von ihren Eltern weg – selbst, wenn die Eltern ihnen objektiv keine gute Erziehung angedeihen lassen. Die Kinder müssten deshalb fürsorglich auf eine Trennung vorbereitet werden. „Die Bindung zu den leiblichen Eltern ist ja die tiefste, die man haben kann.“ Deshalb sei es wichtig, dass der Kontakt zum Kind bestehen bleibe, auch wenn es gerade bei einer Pflegefamilie lebe.

Verlieren Eltern das Sorgerecht, muss das nicht unbedingt ein Dauerzustand sein. Der Vorsitzende des Kinderschutzbundes in Rheinland-Pfalz betonte, dass das Kind zu seinen Eltern zurückkehren könne, wenn der Grund für die Trennung beseitigt werde. Hilfe könnten Eltern beispielsweise beim Jugendamt finden. „Aber es gibt auch Fälle, die so krass sind, dass man sagt, da gibt es überhaupt keine Zukunft.“ Dann sei es besser, wenn das Kind in der Pflegefamilie bleibe, so Zainhofer.

Grundlage für einen Entzug des Sorgerechts ist der Paragraph 1666 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch). Demnach darf dieser nur dann angeordnet werden, wenn alle anderen Maßnahmen erfolglos geblieben sind. Der Entzug des Sorgerechts steht folglich am Ende einer langen Kette von Versuchen, das Kind, dessen Wohl gefährdet ist, soweit vertretbar doch bei den Erziehungsberechtigten zu lassen.

(dpa)