| 23:56 Uhr

Verhandlung beginnt heute
Loveparade-Prozess wird Mammutverfahren

Duisburg. Von Helge Toben

(dpa) Sie wollten feiern, Spaß haben, abtanzen – und starben einen grauenvollen Tod. 21 Menschen aus sechs Ländern ließen im Juli 2010 bei der Loveparade in Duisburg ihr Leben. Sie wurden erdrückt, als am einzigen Ein- und Ausgang zum Gelände der Technoparade zu viele Menschen gleichzeitig waren. Mehr als 650 Menschen wurden an der engen Rampe verletzt.

Tragen dafür vier Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent und sechs der Stadt Duisburg die Schuld? Dies soll ein Strafprozess von heute an klären. Das Verfahren könnte einer der umfangreichsten Prozesse der Nachkriegszeit werden. Grund sind die vielen Beteiligten und eine fast unüberschaubare Menge an Beweismitteln und Zeugenaussagen.

Die Staatsanwaltschaft wirft den vier leitenden Mitarbeitern des Veranstalters vor, ein ungeeignetes Zu- und Abgangssystem geplant zu haben. Vor allem die Rampe soll zu eng gewesen sein, um die vorhergesagten Besucherströme aufnehmen zu können. Bei der Stadt Duisburg wird ein Dreier-Team des Bauamtes verantwortlich gemacht. Die drei Mitarbeiter sollen die Baugenehmigung erteilt haben, ohne dass die Voraussetzungen dafür vorgelegen haben sollen. Die Sicherheit der Besucher sei nicht gewährleistet gewesen.



Die anderen drei Angeklagten sind Vorgesetzte des Teams, darunter der damalige für Stadtentwicklung zuständige Beigeordnete. Sie sollen das Genehmigungsverfahren nicht ordentlich überwacht haben. Alle zehn sind wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung angeklagt.

Weil kein Saal des Landgerichts Duisburg groß genug ist, findet die Hauptverhandlung in einem Saal des Kongresszentrums Düsseldorf statt. Rund 500 Personen bietet er Platz. Mehr als 300 davon stehen für Zuhörer und Pressevertreter zur Verfügung. Die zehn Angeklagten werden von rund 30 Verteidigern vertreten. Der Anklage haben sich rund 60 Nebenkläger angeschlossen. Für sie setzen sich weitere 35 Anwälte ein.

Der Weg zum Prozess war ein juristisches Tauziehen: Zunächst zogen sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft über dreieinhalb Jahre hin. 96 Polizisten vernahmen 3409 Zeugen und sichteten Videomaterial mit den Aufnahmen von Überwachungskameras und Handys in einer Gesamtlänge von rund 1000 Stunden. Dann ließ das Landgericht Duisburg die Anklage zunächst nicht zur Hauptverhandlung zu. Hauptgrund: Das für die Anklage zentrale Gutachten leide an gravierenden Mängeln. Gut ein Jahr später entschied das Oberlandesgericht Düsseldorf, dass das Landgericht doch verhandeln muss. Die 6. Große Strafkammer steht nun unter einem gewissen Zeitdruck: Bis Ende Juli 2020 muss ein erstes Urteil vorliegen, sonst tritt die sogenannte absolute Verjährung ein.

Nicht angeklagt sind der später abgewählte Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) sowie der Unternehmer Rainer Schaller, der einige Jahre vor dem Unglück die Rechte an der Loveparade erworben hatte. Es gebe keine Anhaltspunkte, dass die beiden Einfluss auf die fehlerhafte Planung oder die Erteilung der Genehmigung genommen hätten, so die Staatsanwaltschaft.