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Wahlen am Sonntag
Die getrennten Welten von Südtirol

Blick auf den über 3000 Meter hohen Langkofel in den Dolomiten.
Blick auf den über 3000 Meter hohen Langkofel in den Dolomiten. FOTO: dpa / Ursula Düren
BOZEN Es fühlt sich alles ein bisschen wie Heimat an, auch deswegen lieben Deutsche Südtirol. Das Panorama sieht aus wie in Bayern, und Prosciutto bekommt man auf dem Markt auch, wenn man Schinken sagt.

Die Kulturen sind verschmolzen, die Mehrsprachigkeit ist perfekt, so scheint es. Doch gerade wenn es darum geht, Wähler zu fangen, werden südlich des Brenners wieder die Unterschiede betont. Das Idyll vom Zusammenleben – eine Wunschvorstellung.

Das Zusammenleben ist eigentlich das Einzige, an dem es hapert in Südtirol. Urlauber lieben Skipisten im Winter und saftig grüne Hänge im Sommer. Es herrscht quasi Vollbeschäftigung, die Verwaltung ist frei von Korruption, es wird investiert. Davon kann das übrige Italien nur träumen. Dass man es so gut hat in Südtirol, wird auch der Volkspartei SVP zugeschrieben, die seit den ersten freien Wahlen nach dem Zweiten Weltkrieg regiert. Sie dürfte am Sonntag aus der Landtagswahl wieder als Gewinner hervorgehen.

Aber auch sie konnte Aldo Mazzas Traum bislang nicht erfüllen. Seit 1972 lebt der Süditaliener in Meran. Südtirol vergleicht er gern mit einem Mehrfamilienhaus. „Wir leben im gleichen Haus, wir entscheiden zusammen über das Treppenhaus, das Licht, den Garten. Aber jeder macht zu und ist in seiner eigenen Wohnung.“ Mazzas Ziel ist eine Wohngemeinschaft. Doch die drei Sprachgruppen – die deutsche, italienische und ladinische – bleiben meistens unter sich.



Nicht nur die Schulen sind getrennt, auch die Parteienlandschaft ist es. Im Wahlkampf führte das dazu, dass nationalistische Stimmung gemacht wird. Und dann mischte sich auch noch der Nachbar, Südtirols Schutzmacht Österreich, ein. Wien hat den deutsch- und ladinischsprachigen Minderheiten die doppelte Staatsbürgerschaft in Aussicht gestellt. Seit 1919 gehört Südtirol nicht mehr zu Österreich. Unter Mussolini wurden deutsche Traditionen und die Sprache verboten. Längst stehen sie unter Schutz und Südtirol kann sich weitgehend unabhängig verwalten. Rechtsparteien wie der Süd-Tiroler Freiheit ist das nicht genug, sie fordern die Loslösung, weil sie finden: „Südtirol ist nicht Italien.“

Es seien zum Teil wirklich völlig getrennte Welten in Südtirol, sagt Brigitte Foppa, die für die Grünen im Landtag sitzt. Sie macht die Trennung der Schulen für das fehlende Zusammengehörigkeitsgefühl verantwortlich. Die Italiener, die unter 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen, fühlten sich immer stärker marginalisiert, auch weil sie in der Politik vergleichsweise schlecht vertreten seien. Landtags-Kandidat Zeno Christanell von der regierenden SVP sieht einen Minderwertigkeitskomplex auf beiden Seiten. Deswegen gebe es meist ein Nebeneinander, hin und wieder ein Miteinander, manchmal auch ein Gegeneinander. Nur auf dem Land gebe es die „eine Welt“, sagt er. Die Dörfer sind zu 99 Prozent deutschsprachig. Die Gemeinschaft orientiere sich nicht an Rom, sondern an Österreich oder Deutschland. Was die italienische Regierung mache, nehme man zur Kenntnis, aber nicht ganz ernst. „Wenn Seehofer etwas sagt, dann wirkt es mehr.“ Man verstehe sich eben als ein Kulturraum.

Allen Identitätsdebatten zum Trotz: Ein drastischer politischer Umbruch wie im übrigen Italien ist in Südtirol nicht zu erwarten. Doch dieses Mal könnte der Koalitionspartner der SVP auf italienischer Seite Lega heißen. Im Wahlkampf ließ sich deren Chef, der rechtspopulistische Innenminister Matteo Salvini, natürlich auch blicken. Er, der doch immer „Italiener zuerst“ ruft, gab sich sogleich volkstümlich, grüßte auf Deutsch und sang beim Fest der Kastelruther Spatzen ein Prosit auf die Gemütlichkeit.