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Die Rheinland-Pfälzerin soll ins Merkel-Kabinett
Julia Klöckner: Von der Winzertochter zur Agrarministerin

 Kanzlerin Angela Merkel und Julia Klöckner (rechts) gestern vor der Sitzung des CDU-Bundesvorstands im Konrad-Adenauer-Haus.
Kanzlerin Angela Merkel und Julia Klöckner (rechts) gestern vor der Sitzung des CDU-Bundesvorstands im Konrad-Adenauer-Haus. FOTO: dpa / Bernd von Jutrczenka
Mainz. Die designierte Ministerin für Landwirtschaft und Ernährung kennt diese Themen von klein auf. In Rheinland-Pfalz blieb ihr der große Erfolg bisher versagt.

Bei Julia Klöckner müssen alle gut versorgt sein: Bei Landtagssitzungen in Mainz geht sie gern durch die Reihen und bietet den Abgeordneten, auch aus anderen Fraktionen, süße Nervennahrung an. Landwirtschaft und Ernährung werden die Aufgaben der neuen Bundesministerin sein. Die Versorgung mit Gummibärchen gehört zur weichen Seite der 45 Jahre alten CDU-Politikerin. Die harte Seite klingt an, wenn ihre Mitarbeiter sie nur „die Chefin“ nennen. Beides kann sie als Ressortchefin in Berlin brauchen, sofern die SPD-Mitglieder für die große Koalition stimmen.

In Mainz wurde schon lange spekuliert, dass Klöckner irgendwann nach Berlin geht. Spätestens als sie 2016 auch im zweiten Anlauf den Einzug in die Mainzer Staatskanzlei verpasste, hielt sich hartnäckig die Erwartung, dass Klöckner aus dem kleinen Rheinland-Pfalz in die große Bundespolitik wechseln würde. Im Gespräch war eine Weile lang die Entwicklungspolitik – dazu passten ihre Afrika-Reisen als Sahel-Beauftragte der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und als Kuratoriumsmitglied der Stiftung Weltkirche des Bistums Mainz. Nach der Bundestagswahl setzte sie andere Akzente, war für die CDU bei den gescheiterten Sondierungsgesprächen mit FDP und Grünen für die Themen Landwirtschaft, Verbraucherschutz und gleichwertige Lebensverhältnisse zuständig. In einem Interview brachte sie ein Heimatministerium ins Gespräch, mit Zuständigkeit für die Lebensbedingungen auf dem Land. Bei den Koalitionsverhandlungen für die Neuauflage der großen Koalition führte sie erneut die Arbeitsgruppe Landwirtschaft und Verbraucherschutz für die CDU. Ihr Wechsel gilt auch als Signal für die Erneuerung der Partei.

„Ich wär‘ gern mal wieder in Rheinland-Pfalz“, sagte Klöckner, als sich die Koalitionsverhandlungen in die Länge zogen. Dort wurde die Winzertochter in Bad Kreuznach an der Nahe geboren, im nahegelegenen Guldental haben die Klöckners noch heute ihr Weingut. Nach der Schule studierte sie in Mainz Politikwissenschaft, katholische Theologie und Pädagogik. Als „goldische“ Erscheinung, wie man in der Region sagt, wurde sie 1994 zur Nahe-Weinkönigin und 1995 zur Deutschen Weinkönigin gewählt. Zwei Jahre danach trat sie in die Junge Union ein.



Die ersten beruflichen Schritte führten sie in den Journalismus, als Redakteurin eines Fachmagazins für Wein. Kurz darauf war sie schon für die CDU im Bundestag, von 2002 bis 2011, von 2009 an als Parlamentarische Staatssekretärin im Landwirtschaftsministerium. Der Wechsel wäre ein Heimspiel für Klöckner. Die Berliner Bühne kennt sie aus ihrer Zeit als Parlamentarische Staatssekretärin unter Ilse Aigner. Damals forderte sie zum Beispiel eine Kennzeichnung von „Mogelschinken“. An diese Zeit und ihre fachliche Kompetenz in diesen Themen erinnerte auch die CDU-Vorsitzende und Kanzlerin Angela Merkel, als sie gestern Abend die Ministernamen der CDU vorstellte. Sie freue sich auf die Zusammenarbeit mit Julia Klöckner.

Ab 2010 verlegte Klöckner den Schwerpunkt wieder nach Mainz: Sie wurde Landesvorsitzende und trat 2011 gegen SPD-Ministerpräsident Kurt Beck an, unterlag aber knapp. Seit 2011 führte sie die CDU-Landtagsfraktion. Deutlicher fiel im März 2016 die Niederlage gegen SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer aus, es war das bis dahin schlechteste CDU-Ergebnis bei einer Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Der Wahlkampf wurde damals von der Debatte über die Flüchtlingspolitik geprägt, in der Klöckner Positionen der CSU näher waren als Kanzlerin Angela Merkel, zu der sie sonst ein enges Verhältnis hat. Zur Unterstützung für ihren Plan „A2“ (anstelle eines Plans B) mit Aufnahme- und Entscheidungszentren an den deutschen Grenzen holte sie Sebastian Kurz von Wien nach Mainz – damals österreichischer Außenminister, jetzt Bundeskanzler. Inzwischen sieht sich Klöckner mit ihren damaligen Positionen bestätigt, auch die SPD hat der Einrichtung von „Aufnahme-, Entscheidungs- und Rückführungseinrichtungen“ für Asylsuchende zugestimmt.

Seit 2012 ist Klöckner stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU, sie erhielt damals und bei der Wiederwahl in den Jahren 2014 und 2016 jeweils das beste Ergebnis der Merkel-Stellvertreter. Ihre betont konservative Haltung verbindet Klöckner mit einem bodenständigen, leutseligen Auftreten. „Ich bin eher der geländegängige Typ“, schrieb sie in ihrem Buch „Zutrauen“. Im Gespräch bekräftigt sie solche Aussagen gern mit einem munteren „Gell?!“, das jeden potenziellen Widerspruch ausschließt.

(dpa)