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13 300 Mitarbeiter müssen über eine Million Fälle bearbeiten
Jugendämter können Aufgaben kaum erfüllen

Koblenz/Berlin. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen krankt laut einer Studie der Hochschule Koblenz an einer Überforderung der Jugendämter.

Viele Jugendämter in Deutschland können ihren Aufgaben beim Kinderschutz laut einer Studie nur unzureichend nachkommen. Auf die rund 13 300 Mitarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) kämen mehr als eine Million Fälle – viel zu viel, sagte die Sozial- und Politikwissenschaftlerin Kathinka Beckmann von der Hochschule Koblenz gestern in Berlin bei der Vorstellung einer repräsentativen Studie. Die von der Deutschen Kinderhilfe geförderte Publikation beruht auf Befragungen von rund 650 Fachkräften aus 175 Jugendämtern via Fragebogen.

Die meisten Sozialarbeiter betreuen laut der Studie zwischen 50 und 100 laufende Fälle – als angemessen gelten 35. Defizite sieht Autorin Beckmann zudem bei der finanziellen und räumlichen Ausstattung, bei der Einarbeitung und der Weitergabe von Erfahrungen. Statt in die Arbeit mit Familien fließe viel Zeit in Dokumentation, vor allem um sich rechtlich abzusichern.

Das Fallaufkommen und die Personalsituation hätten in den vergangenen Jahren oftmals nur das Einschreiten im Akutfall erlaubt, sagte die Leiterin des Jugendamts Berlin-Mitte, Monika Goral. Nötig sei aber proaktives Handeln, etwa wenn eine Kindes-Gefährdung zunächst unklar ist. Die Umstände erschwerten es, Fachkräfte zu halten, sagte Goral.



Für den Vorsitzenden der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker, belegt die Studie, dass die Rahmenbedingungen in der Kinder- und Jugendhilfe eine professionelle sozialpädagogische Arbeit behindern. Er verwies auf hohe Fallzahlen und zu viele Dokumentationspflichten für die Sozialarbeiter.

Vor allem fehlendes Geld führten in vielen Kommunen zu schlechten Arbeitsbedingungen, fehlendem Personal und damit auch zu Fachkräftemangel, erläuterte Becker. Sozialpädagogen und Sozialarbeitern im ASD der Jugendämter werde es oft schwergemacht, „die für die Familie bestmögliche Entscheidung zu treffen“.

Die derzeitige Finanzierungsstruktur stehe im starken Widerspruch zum Grundgedanken des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, Kinder, Jugendliche und Familien in schwierigen Situationen zu unterstützen, betonte Becker. „Das derzeitige System spaltet Kommunen in arme und reiche Städte beziehungsweise Landkreise.“ Welche Hilfe Kinder und Jugendliche erhalten, dürfe jedoch nicht von ihrem Wohnort bestimmt werden.

Das sieht auch der Deutsche Kinderschutzbund so, der sich für eine Gemeindefinanzreform einsetzt. Präsident Heinz Hilgers sagte: „Das Problem ist, dass die Kommunen, die die größte Kinderarmut und auch die höchsten Kosten zu deren Bewältigung haben, gleichzeitig auch die höchsten Kosten in der Jugendhilfe haben – und es sind gleichzeitig auch die Kommunen mit den niedrigsten Steuereinnahmen und der höchsten Arbeitslosigkeit.“ Das sei ein Teufelskreis, unterstrich Hilgers.