| 23:33 Uhr

Deutschlandtag der Jungen Union
Merkels Erben laufen sich warm

Ein paar warme Socken und eine Windjacke bekam Kanzlerin Angela Merkel beim Deutschlandtag der Jungen Union in Kiel von JU-Chef Paul Ziemiak geschenkt. Eine Provokation für stürmische Zeiten? Merkel nahm’s trocken.
Ein paar warme Socken und eine Windjacke bekam Kanzlerin Angela Merkel beim Deutschlandtag der Jungen Union in Kiel von JU-Chef Paul Ziemiak geschenkt. Eine Provokation für stürmische Zeiten? Merkel nahm’s trocken. FOTO: dpa / Carsten Rehder
Kiel. Die Union hat die Krise, die Nerven liegen vor zwei wichtigen Wahlen blank. Signale sendet beim Treffen der JU in Kiel nicht nur die Kanzlerin. Von Jörg Blank und Ruppert Mayr, dpa

Es ist eine Anspannung wie wohl noch nie in der Union seit Beginn der Ära Angela Merkel vor gut 13 Jahren. Zerlegt sich die CSU-Spitze nach einem Absturz bei der Bayern-Wahl in einer Woche? Bringen die Turbulenzen auch die Hessen-CDU zwei Wochen später um die Macht? In der CDU-Spitze fürchten manche, dass eine Dynamik entsteht, die auch in Berlin eine neue Regierungskrise auslöst. Und am Ende CDU-Chefin und Kanzlerin Merkel das Amt kosten könnte.

In der CDU laufen sich am Wochenende beim Deutschlandtag der Jungen Union in Kiel schon mal drei Tage lang mögliche Nachfolgekandidaten Merkels warm. Der neuen Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer geben die gut 300 Delegierten des Unions-Nachwuchses ein starkes Zeichen der Unterstützung mit auf den Weg. Schon bei einer ausgelassenen JU-Party am Samstagabend wird Kramp-Karrenbauer, Ex-Ministerpräsidentin des Saarlands, mit lautstarken „Annegreat, Annegreat“-Sprechchören gefeiert. Gestern hält sie eine ziemlich konservative Rede, die gut ankommt. Zum Song „For a better day“ des schwedischen DJs Avicii zieht sie in die Halle – einen besseren Tag wünschen sich angesichts der Umfragewerte im Sturzflug wohl alle JU-Mitglieder. Die Generalsekretärin schickt eine scharfe Mahnung nach München, wo die CSU-Granden schon jetzt versuchen, sich gegenseitig die Schuld für ein mögliches Desaster in die Schuhe zu schieben. Das hätte Franz Josef Strauß nie gemacht, ruft „AKK“. Später folgt eine Attacke gegen Recep Tayyip Erdogan – wenn der türkische Präsident nicht aufhöre, einen Keil zwischen Deutschtürken und deutsche Gesellschaft zu treiben, müsse nochmal die Abschaffung des Doppelpasses diskutiert werden. Die JUler sind begeistert, denn auch sie sind dafür – anders als die Kanzlerin. Spürbar grenzt sich Kramp-Karrenbauer auch von ihrer Fördererin Merkel ab, als sie sagt, heutzutage reiche es nicht mehr aus, einfach darauf zu setzen, gute Regierungsarbeit abzuliefern. Jetzt seien Visionen für die Zukunft gefragt.

Vor Kramp-Karrenbauer feiern die JU-ler den neuen Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus. Ihren Liebling Jens Spahn begrüßen sie am Samstag ebenso begeistert. Spahn gibt sich zupackend, aber auch staatstragend zurückhaltend.



Vor Spahn und CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt hat Merkel am Samstag ihren Auftritt. Sie hält eine teils angriffslustige Rede, die entgegen mancher Erwartungen ziemlich gut ankommt. Die Umfragen seien ja ganz gut erklärbar, hält sie dem Nachwuchs entgegen. Sie meint den erbitterten Streit, mit dem CSU und CDU immer mehr Anhänger vergrault haben. Nun dürfe man nicht weiter „miteinander Fingerhakeln“. Viele in der Halle johlen, als sie zum Schluss süffisant sagt: „Der geschäftsführende JU-Bundesvorstand: Schön männlich. Aber 50 Prozent des Volkes fehlen.“ Merkel setzt noch einen drauf: „Und ich sag‘ Ihnen: Frauen bereichern das Leben. Nicht nur im Privaten, auch im Politischen. Sie wissen gar nicht, was Ihnen entgeht.“

Dass die Kanzlerin sich selbst keine Illusionen über ihre Lage in der CDU macht, zeigt eine kleine Szene mit JU-Chef Paul Ziemiak. Merkel bekommt Wandersocken und eine Windjacke. Sie ziehe daraus die Schlussfolgerung, „dass Sie mich nicht im Regen stehen lassen wollen“, sagt die CDU-Chefin trocken. Gut möglich, dass Merkel da an den Wahlparteitag Anfang Dezember denkt, bei dem sie eigentlich erneut als Vorsitzende kandidieren will. Wahrscheinlich, dass die Kanzlerin die Utensilien für stürmische Zeiten bald gut brauchen kann.