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Weltimpfgipfel in Brüssel
Was tun mit den Impf-Muffeln?

  Angst vor der Impfspritze: 48 Prozent der Europäer glauben, Impfstoffe verursachten schwere Nebenwirkungen.
Angst vor der Impfspritze: 48 Prozent der Europäer glauben, Impfstoffe verursachten schwere Nebenwirkungen. FOTO: Getty Images / istock / benimage
Brüssel. 25 Millionen Menschen weltweit könnten im nächsten Jahrzehnt gerettet werden, wenn Eltern ihre Kinder impfen lassen würden. Beim Weltimpfgipfel in Brüssel setzen die Experten dennoch auf Überzeugung – statt auf Zwang. Von Detlef Drewes

Es geht um nicht weniger als 25 Millionen Menschen weltweit. So viele Leben könnten im nächsten Jahrzehnt gerettet werden, wenn Eltern ihre Kinder systematisch impfen lassen würden – das hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgerechnet.

Diese Zahlen waren es, die am Donnerstag in Brüssel beim Weltimpfgipfel für flammende Appelle sorgten. „Jede Minute, die wir zögern, uns für Impfungen einzusetzen, kostet Kinder ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben“, rief EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis den rund 400 Vertretern von Regierungen und Gesundheitsorganisationen aus allen Teilen der Welt zu. „Es kann nicht angehen, dass in einer so hoch entwickelten Welt wie der unseren noch immer Menschen an Krankheiten sterben, die schon seit Langem hätten ausgerottet sein sollen“, betonte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.

Doch genau das ist der Fall, wie die Konferenz belegte: Der seit Anfang 2018 verzeichnete Anstieg an Masernerkrankungen (damals waren es 84 462 Fälle europaweit im ganzen Jahr) hat sich fortgesetzt – auf nun mehr als 90 000 nur in der ersten Jahreshälfte. Zwischen 2016 und 2019 gab es 84 Todesfälle. Bebe Vio hat insofern noch Glück gehabt. Die 22-jährige Italienerin gehört zur italienischen Mannschaft der Rollstuhlfechter, war mehrfach Europa- und Weltmeisterin. Mit elf erkrankte sie an einer schweren Meningitis, weil sie, wie sie selbst sagte, nicht geimpft war. Beide Beine mussten amputiert werden. Außerdem verlor sie beide Unterarme. In Brüssel meldete sie sich per Video zu Wort: „Wir brauchen Impfungen, bitte lassen Sie uns alle dafür kämpfen.“



Doch die Skepsis vieler Eltern sei groß, berichteten die Vertreter mehrerer Organisationen. Bei einer Umfrage in der EU stellte sich heraus, dass 48 Prozent der Europäer glauben, Impfstoffe verursachten schwere Nebenwirkungen, 38 Prozent glauben sogar, dass sie Erkrankungen auslösen, und 31 Prozent vertraten die Auffassung, Impfungen würden das Immunsystem schwächen. „Das ist alles falsch“, betonte die belgische Gesundheitsministerin Maggie de Block. Aber alle Experten kamen zum gleichen Schluss: „Wir müssen mehr Vertrauen schaffen, die werdenden Eltern besser informieren“, sagte die Südafrikanerin Laetitia Rispel, Präsidentin des Weltverbandes der Gesundheitsorganisationen. Die beiden Vertreter der Online-Konzerne Mozilla (aus dem Haus stammt der Internet-Browser Firefox) und Facebook, Maud Sacquet und Jason Hirsch, sicherten die volle Unterstützung ihrer sozialen Netzwerke zu. Hirsch: „Wir kämpfen gegen Fake News über Impfungen.“

Das dürfte nicht reichen. Stattdessen wird der Ruf nach staatlicher Impfpflicht inklusive Strafandrohung lauter. Gesundheitskommissar Andriukaitis sagte: „Wenn Eltern die Gefahr nicht verstehen, müssen wir uns fragen, wer die Verantwortung übernimmt. Natürlich sind das das Parlament und die Regierung.“ Belege dafür gibt es. Ungarn führte 1998 eine staatliche Impfpflicht ein. Wer sich entzieht, muss mit Bußgeld oder sogar dem Schulausschluss rechnen. Laut dem Kinderhilfswerk Unicef sind inzwischen 99 Prozent der Kinder in Ungarn geimpft – eine der höchsten Raten innerhalb der EU.

Doch die Unterschiede bleiben groß: Frankreich hatte bis 2018 nur Impfungen gegen drei Erreger vorgeschrieben. Fazit: Lediglich 78 Prozent der Kinder unter zwei Jahren waren beispielsweise vor Masern geschützt. Das ist zu wenig, um den Virus auszurotten. Dazu ist laut WHO eine Impfrate von mindestens 95 Prozent nötig. Inzwischen hat die Regierung in Paris eine Impfpflicht gegen elf Erreger eingeführt.

Die Bundesregierung brachte in diesem Jahr einen Gesetzentwurf auf den Weg, der eine Impfpflicht gegen Masern ab 1. März 2020 vorsieht. „Impfungen sind eine der wichtigsten Erfindungen in der Geschichte der Menschheit“, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Diese Botschaft müsse von dem Treffen in Brüssel ausgehen.