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Tourismus
Die „Operation Rückkehr“ hat begonnen

 Ein Flugzeug der Fluggesellschaft EasyJet landet bei rotem Abendhimmel auf dem Flughafen Schönefeld.
Ein Flugzeug der Fluggesellschaft EasyJet landet bei rotem Abendhimmel auf dem Flughafen Schönefeld. FOTO: dpa / Soeren Stache
Berlin/Trier. Tausende Deutsche sitzen im Ausland fest, darunter viele Menschen aus der Region. Berlin plant eine Luftbrücke, um sie zurückzuholen. Ab sofort gilt eine weltweite Reisewarnung. Von Katharina De Mos

Sie hatten sich auf entspannte Tage in der Sonne gefreut oder auf abenteuerliche Reisen durch ferne Länder. Nun sitzen sie fest. Tausende Deutsche sind im Ausland gestrandet und haben keine Ahnung, wie sie in ihre Heimat zurückkehren sollen. Wie chaotisch die Situation ist, zeigt ein Rundruf bei regionalen Reisebüros: In Ägypten sitzen Menschen aus dem Raum Konz in Hotelquarantäne und hoffen darauf, den letzten Flug zu bekommen, ehe der Flughafen auf unbestimmte Zeit schließt.

In einem Trierer Reisebüro gehen Anrufe aus Guadeloupe ein, weil die Fluggesellschaft, die die Menschen hinbrachte, den Betrieb eingestellt hat. Andere sind in Marokko, ­Vietnam oder Australien – Rückflug gestrichen. Unter Hochdruck versuchen die Reisebüros, neue Flüge zu finden. Doch bei Airlines und Veranstaltern ist kein Durchkommen mehr. Hunderttausende Tickets würden EU-weit derzeit täglich umgebucht. Viele hätten Angst, dass der Flugbetrieb ganz zum Erliegen komme. „Es ist ein Albtraum“, sagt Kerstin Bernhard vom Reisebüro Grenzenlos in Trier. Sie wisse nicht, wie sie die Leute zurückbekommen solle.

Die Bundesregierung hat nun eine beispiellose Rückholaktion gestartet. Außenminister Heiko Maas sprach am Dienstag von einer Luftbrücke vor allem für Urlauber in Marokko, der Dominikanischen Republik, den Philippinen, Ägypten und auf den Malediven. Für die in den nächsten Tagen geplanten 30 bis 40 Rückholflüge will die Regierung bis zu 50 Millionen Euro ausgeben.



Gleichzeitig sprach Maas eine formelle, weltweite Reisewarnung für touristische Reisen aus. Auch das hat es so noch nicht gegeben. Reisewarnungen werden normalerweise nur bei Gefahr für Leib und Leben ausgesprochen, vor allem für Bürgerkriegsländer wie Syrien, Afghanistan oder den Jemen.

Bisher hatte die Regierung nur von nicht notwendigen Reisen ins Ausland abgeraten und nur vor Reisen in die chinesische Ursprungsregion des Coronavirus gewarnt. „Wir müssen verhindern, dass weitere Deutsche im Ausland stranden“, begründete Maas den ungewöhnlichen Schritt. „Bitte bleiben sie zu Hause!“

„Gebucht wird im Moment sowieso nichts“, sagt Jörg Scharff vom Speicherer Reisebüro Scharff-Reisen, das wie alle anderen dabei ist, Reisende zurückzubringen und Stornierungen zu bearbeiten. Er empfiehlt Urlaubern, trotz allem einen kühlen Kopf zu bewahren. Bis jetzt habe er noch jeden nach Hause bekommen.

In den vergangenen Tagen hatten zahlreiche Länder wegen der rasanten Ausbreitung des Virus Grenzen dicht gemacht und Flugverbindungen gekappt. Da Deutschland zu den Hauptrisikoländern gehört, sind deutsche Reisende stark von den Einschränkungen betroffen.

Allein in Marokko sind laut Maas 4000 bis 5000 Personen. Die Regierung in Rabat hatte am Sonntag bis zum 31. März fast alle internationalen Verbindungen – Flüge und Fähren – eingestellt. Nach Angaben des Auswärtigen Amts fliegt nur noch Air France.

Wegen der Coronavirus-Krise hat die Regionalregierung der Balearen alle rund 25 000 auf Mallorca und den anderen Inseln noch verbliebenen Touristen aufgerufen, schnellstmöglich in ihre Heimat zurückzukehren. Es mache keinen Sinn, dass die Menschen in den Hotels eingesperrt blieben. Am Montag waren 25 Sonderflüge gestartet. Gleichzeitig wurden 67 reguläre Flüge storniert.

Auch auf La Palma herrscht Ausgangssperre. Zu denen, die „eingesperrt“ sind, zählt eine Trierer Familie. Alles sei abgeriegelt, die Strände und auch der Nationalpark zum Wandern, teilt die Triererin mit, die sich dennoch glücklich schätzt, da sie ein Ferienhaus mit großem Garten und Meerblick gemietet hat. „Eine Luxussituation“, schreibt sie. Die Konzer in Ägypten hingegen dürfen ihr Zimmer nicht verlassen. Das Essen wird vor die Tür gestellt.

Die Dominikanische Republik hat seit Montag für einen Monat alle Flüge von und nach Europa ausgesetzt. Am Donnerstag wird Ägypten folgen. Zunächst bis zum 31. März werden alle Flugverbindungen ins Ausland gestrichen. Längst nicht allen Touristen dürfte es gelingen, ihre Flüge rechtzeitig umzubuchen.

„Der weltweite Passagierverkehr hat sich massiv reduziert, und wir gehen davon aus, dass das nicht das Ende ist“, sagt Maas. „Für diese Luftbrücke werden die Anbieter zusammen mit uns Flüge bereitstellen.“ Die Gestrandeten würden „im Laufe der nächsten Tage“ zurückgeholt, sagte Maas. Er bat aber auch um Geduld.

Betroffene können sich auf der Internetseite des Auswärtigen Amts in eine Krisenvorsorgeliste eintragen. So will das Ministerium einen Überblick bekommen, wie viele Leute zurückgeholt werden müssen. Maas sprach von einem „einmaligen Programm“ und machte damit deutlich, dass es später noch deutlich schwieriger sein wird zurückzukehren. Die Reisebüros der Region kündigen an, auch nach dem Shut-Down für ihre Kunden da zu sein. Geld bekommen sie für einen Großteil der Arbeit, die sie derzeit leisten, keins. Gibt es bei Stornierung doch keine Provision. „Es ist eine sehr, sehr schwere Zeit“, sagt Scharff. Auch Annette Ryll vom Konzer Luxtours Reisebüro fürchtet, dass die aktuelle Krise für manche ihrer Branche das Ende bedeutet.

Mit Material von dpa