| 21:50 Uhr

Baden-Württemberg
Der grüne Kretschmann will es im Ländle nochmal wissen

 Sein ganz persönliches Stuttgart 21: Winfried Kretschmann (Grüne) will 2021 wieder antreten
Sein ganz persönliches Stuttgart 21: Winfried Kretschmann (Grüne) will 2021 wieder antreten FOTO: dpa / Sebastian Gollnow
Stuttgart. Vor acht Jahren eroberte er das CDU-Land Baden-Württemberg, jetzt strebt Ministerpräsident Winfried Kretschmann die dritte Amtszeit 2021 an. Von Bettina Grachtrup und Nico Pointner

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) will zur Landtagswahl 2021 für eine dritte Amtszeit kandidieren. Er werde seinen Hut wieder in den Ring werfen, sagte der 71-Jährige am Donnerstag in Stuttgart. Kretschmann ist seit 2011 der erste und bislang einzige grüne Regierungschef eines Bundeslandes. Er ist nach Umfragen der beliebteste Ministerpräsident in Deutschland. Seit 2016 regiert er mit einer grün-schwarzen Koalition – davor gab es ein grün-rotes Bündnis.

Kretschmanns Entscheidung wurde in seiner Partei mit Jubel und Erleichterung aufgenommen. Die Grünen-Bundeschefs Annalena Baerbock und Robert Habeck betonten in Berlin: „Er genießt großes Ansehen und Vertrauen und schafft es, auf besondere Weise Bindekraft für die Breite der Gesellschaft zu entfalten.“ Landsmann und Parteikollege Cem Özdemir twitterte: „Ein guter Tag für unser Ländle.“

2016 waren die Grünen mit Kretschmann an der Spitze als stärkste Kraft aus der Landtagswahl hervorgegangen. Sie holten 30,3 Prozent. Die CDU kam mit 27 Prozent auf den zweiten Platz. Die CDU-Spitzenkandidatin zur Landtagswahl 2021, Kultusministerin Susanne Eisenmann, freut sich auf einen fairen, aber harten Wettbewerb. „Ich habe zu keinem Zeitpunkt mit einem anderen Gegenkandidaten als Winfried Kretschmann gerechnet“, sagte sie. „Klar ist: Keiner hat in einer Demokratie das Amt gepachtet.“



Der Realpolitiker Kretschmann zählt zu den Gründungsmitgliedern der Grünen im Südwesten. Sein Regierungsstil ist von Pragmatismus geprägt, der vielen Linken in der eigenen Partei manchmal zu weit geht, konservative Wähler aber anspricht. Kritiker halten ihm vor, einen präsidialen Regierungsstil zu pflegen, sich um Details nicht zu kümmern, aber Themen, die ihm selbst nutzen, an sich zu ziehen. In der grün-schwarzen Koalition gab es zeitweise gravierende Konflikte – etwa um Diesel-Fahrverbote zur Luftreinhaltung in Stuttgart.

Kretschmann tat sich mit der Entscheidung einer erneuten Spitzenkandidatur nicht leicht. Immer wieder verwies er vor der Sommerpause darauf, dass er zum Zeitpunkt der Landtagswahl 72 Jahre alt sein wird und die Entscheidung wohlüberlegt sein müsse. Andererseits haben es die Grünen versäumt, einen Nachfolger für „Kretsche“ aufzubauen. Hätte er auf die Spitzenkandidatur verzichtet, hätten die Grünen unter Zeitdruck gestanden.

Kretschmann sagte, er wolle sich für eine volle Amtszeit von fünf Jahren bewerben. Es gebe keinen Plan, vorzeitig abzutreten, erklärte er zu Vermutungen der politischen Gegner. Er sehe in seinem Alter kein Problem für die erneute Bewerbung. Entscheidend sei, dass man dem Amt körperlich und geistig gewachsen sei. „Den Eindruck habe ich von mir selber, dass das so ist.“

Kretschmann war 2011 überraschend Ministerpräsident geworden. Der Konflikt um das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21, die Atomkatastrophe in Fukushima und der autoritäre Führungsstil des zuvor amtierenden CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus trugen dazu bei. Die CDU, die das Land für Jahrzehnte regiert hatte, sprach lange von einer vorübergehenden grünen Episode. Kandidatin Eisenmann will sie 2021 beenden – als erste Frau an der Spitze des Ländle.