| 22:10 Uhr

Hessen-Wahl
Ein schwarz-grüner Abend mit Zitterfaktor

Seine CDU rutschte massiv ab, aber Volker Bouffier (hier mit Ehefrau Ursula) kann wohl Ministerpräsident in Hessen bleiben.
Seine CDU rutschte massiv ab, aber Volker Bouffier (hier mit Ehefrau Ursula) kann wohl Ministerpräsident in Hessen bleiben. FOTO: dpa / Boris Roessler
Wiesbaden. In Hessen kann die CDU unter Volker Bouffier trotz Verlusten aufatmen, weil der grüne Höhenflug anhält. Die SPD spielt keine Rolle. Von Bernd Glebe und Andrea Löbbecke, dpa

Es gibt viele Unwägbarkeiten an diesem Abend in Hessen, aber auch deutliche Ergebnisse: Ministerpräsident Volker Bouffier und seine CDU haben eine schallende Ohrfeige von den Wählern bekommen. Sie haben aber gute Chancen, an der Macht zu bleiben. Zu verdanken hat Bouffier dies dem historischen Höchstwert der Grünen. Sollte es für eine Fortsetzung für Schwarz-Grün in Hessen tatsächlich reichen, wird sich nach dem dramatischen zweistelligen Einbruch der Christdemokraten jedoch einiges in der hessischen Landesregierung ändern.

Unterschiedlicher konnte nach den ersten Prognosen die Stimmung auf den Wahlpartys im Hessischen Landtag nicht sein: Während bei den Grünen tosende Euphorie herrschte, schon um 18.05 Uhr die Sektgläser klirrten und Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir wie ein Popstar gefeiert wurde, löste sich bei der CDU erst langsam die Anspannung.

„Alles wird gut“, „Das reicht“ und „Wird schon werden“, lauten die Kommentare, als die Balken der ersten ARD-Hochrechnungen eine knappe Mehrheit für die bisherige schwarz-grünen Regierung zeigen. Erst als CDU-Chef Volker Bouffier gegen 18.30 Uhr bei seinen Partei­freunden im Fraktionssaal vorbeikommt, brandet erleichterter Applaus auf.



Dass es – wenn rechnerisch möglich – zu einer Neuauflage des Bündnisses kommen sollte, deuten CDU und Grüne bereits wenige Minuten nach den ersten Zahlen an. Beide Parteien reklamieren trotz der zunächst knappen Mehrheitsverhältnisse für sich, in Hessen weiterregieren zu wollen.

„Wir werden erneut den Anspruch erheben, die Landesregierung in Hessen anzuführen“, verkündet der 66-jährige Bouffier gewohnt selbstbewusst. Die herben Verluste der Hessen-CDU und einen Absturz auf deutlich unter 30 Prozent nach den ersten Hochrechnungen heftet sich der CDU-Bundesvize nicht ans Revers, sondern schiebt die Verantwortung nach Berlin und auf die Dauer­querelen in der Groko ab.

„Wir werten das Ergebnis als klaren Auftrag, an der nächsten Regierung beteiligt zu sein“, sagt Grünen-Fraktionschef Mathias Wagner. Die Vorzeichen für die Fortsetzung der schwarz-grünen „Kuschel-Koalition“ werden früh am Abend deutlich. Auch Al-Wazir, der 47-jährige Wirtschaftsminister des Landes, spricht von einem „Auftrag“ an seine Partei und bringt es gewohnt pointiert auf den Punkt: „Wir sind die Gewinner dieses Wahlabends.“

Auf dem Prüfstand steht jetzt vor allem, wie dick die Männerfreundschaft zwischen dem hessischen CDU-Vorsitzenden Bouffier und seinem Vize-Regierungschef Al-Wazir ist. Fast fünf Jahre arbeitete das anfangs kritisch beäugte Bündnis zwischen Konservativen und Ökopartei in Wiesbaden nahezu geräuschlos Hand in Hand. Sollten die Grünen erneut in das Bündnis einsteigen, werden die Macher der Partei bei der Ressortverteilung die Hände weit aufhalten. Womöglich wird auch ein neuer Koalitionsvertrag deutlich grüner, mit mehr Akzenten des kleineren Partners etwa bei der Umwelt- und Verkehrspolitik.

Bislang haben die Grünen zwei Ministerien innerhalb der Landesregierung – da weckt der Zuwachs bei den Prozentpunkten sicherlich Begehrlichkeiten. Der bundesweite Höhenflug der Partei wird bei den zu erwartenden Gesprächen mit der CDU in Hessen für zusätzlichen Rückenwind sorgen.

Falls es für Schwarz-Grün doch nicht reicht, könnte die Reise womöglich nach Jamaika gehen und die FDP kommt mit ins Regierungsboot. Dann aber muss Landesvater Volker Bouffier seinen vollmundig formulierten Prophezeiungen Taten folgen lassen, dass er auch schwierige Bündnisse schmieden kann. Obwohl die Liberalen im Wahlkampf deutlich zu verstehen gaben, dass sie in Hessen unbedingt wieder regieren wollen und dabei auch bereit sind, eine grüne Kröte zu schlucken, wird sich die FDP nicht unter Wert verkaufen.

FDP-Spitzenkandidat René Rock hat etwa schon weit vor dem Schließen der Wahllokale angekündigt, dass die FDP bei einer Regierungsbeteiligung den Anspruch auf das prestigeträchtige Wirtschaftsministerium erhebt. Dort sitzt bislang der Grüne Al-Wazir auf dem Chefsessel – und er hatte in den vergangenen Jahren sichtlich Spaß an dem Job. Fraglich ist auch, ob auch ein Trio wie bislang das Duo ohne öffentliches Gezänk auskommt. Oder ob dann gilt: Drei sind einer zu viel.

Der grüne Trend nach oben zeigte sich auch in Hessen – was Spitzenkandidat und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir mächtig freute.
Der grüne Trend nach oben zeigte sich auch in Hessen – was Spitzenkandidat und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir mächtig freute. FOTO: dpa / Uwe Anspach
Der nächste rabenschwarze Tag für die SPD traf gestern Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel. Seine Partei erlitt erneut eine herbe Schlappe.
Der nächste rabenschwarze Tag für die SPD traf gestern Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel. Seine Partei erlitt erneut eine herbe Schlappe. FOTO: dpa / Arne Dedert