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Analyse
Geteilte Gehaltsrepublik Deutschland

BERLIN (dpa) Zwischen Görlitz und Ingolstadt sind es Luftlinie keine 370 Kilometer.

Wenn es ums Einkommens-Niveau für Arbeitnehmer geht, liegt aber eine kleine Welt zwischen dem Landkreis in Sachsen und der Audi-Stadt in Bayern. 4635 Euro brutto im Monat verdienten Vollzeitbeschäftigte in Ingolstadt im Mittel, das ist bundesweit spitze. Görlitz und Umgebung sind dagegen mit 2183 Euro Schlusslicht aller Kommunen in Deutschland. Der große Abstand zeigt: Fast 30 Jahre nach dem Mauerfall bleiben die Gehälter im Osten klar hinter denen im Westen zurück. Doch ganz so einfach verlaufen die Trennlinien nicht.

Dass man in den neuen Ländern tendenziell schlechter verdient, ist kein überraschendes Phänomen. Auch die generelle Wirtschaftskraft ist geringer. Je Einwohner liegt die Wirtschaftleistung am Standort Ost momentan bei 73,2 Prozent des Westniveaus, wie die Bundesregierung im jährlichen Einheits-Bericht 2017 bilanzierte. Und ein entscheidender Grund dafür hat wiederum auch Einfluss auf das Gehaltsniveau: die „Kleinteiligkeit der ostdeutschen Wirtschaft“ und ein Mangel an Konzernzentralen großer Unternehmen, wie es in dem Bericht heißt.

In großen Firmen gibt es meist mehr gut bezahlte Führungsposten und lukrative Jobs für besser qualifizierte Fachkräfte. In Ingolstadt mit gut 130 000 Einwohnern arbeiten allein 44 000 Beschäftigte beim Autobauer Audi. Weit vorn in der neuen Statistik der Bundesagentur für Arbeit liegt auch die Volkswagen-Stadt Wolfsburg mit 4622 Euro. Mehr als 4000 Euro sind ebenfalls in den Wirtschaftsmetropolen München und Stuttgart oder am Finanzplatz Frankfurt am Main drin.



Auf der anderen Seite steht ein deutlich niedrigeres Gehaltsniveau im Osten. Wobei der Landkreis Görlitz nicht einmal zu den schon ganz und gar deindustrialisierten Regionen gehört. In Ostsachsen sorgen aber die Abwanderung junger Leute und teils schlechte Verkehrsanbindungen für große Probleme. Zum Beispiel auch in dünn besiedelten Gegenden in Vorpommern lagen die mittleren Verdienste zum Stichtag 31. Dezember 2017 nur um die 2200 Euro. „Von gleichwertigen Lebensverhältnissen kann in Deutschland nicht gesprochen werden“, moniert die Linke-Arbeitsmarktexpertin Sabine Zimmermann.

Dabei zielt die Kritik nicht allein auf den Osten, sondern auch auf „abgehängte“ Regionen im Westen. Tatsächlich gehen die Verdienste auch dort erheblich auseinander. In Hessen kommt der strukturschwache Werra-Meißner-Kreis im Mittel nur auf 2821 Euro, während es im wirtschaftsstarken Darmstadt 4185 Euro sind. In Rheinland-Pfalz reicht die Spanne von 2642 Euro in der Südwestpfalz bis 4534 Euro in Ludwigshafen, der Heimat des Chemieriesen BASF.

Fortschritte hin zu einer Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse hat sich die neue Bundesregierung erklärtermaßen zum Ziel gesetzt – und zwar nicht allein im Ressort von Heimatminister Horst Seehofer (CSU). Dazu gehört, etwa auch in der Pflege, dass mehr Arbeitnehmer zu den in der Regel besseren Bedingungen von Tarifverträgen arbeiten sollen. Bisher bekommt nach Gewerkschaftsangaben nur etwa die Hälfte aller Beschäftigten Tariflöhne. Der SPD-Ostbeauftragte Martin Dulig pochte am Freitag auch darauf, Bundesbehörden in die neuen Länder zu holen.

Großen Einfluss auf das Gehalt hat nicht zuletzt die Qualifikation. So kamen Vollzeitkräfte ohne Berufsabschluss im Bundesschnitt nur auf einen mittleren Verdienst von 2425 Euro – mit anerkanntem Abschluss waren es 3000 Euro, mit akademischem Abschluss sogar 5000 Euro. Die Verdiensthöhe zählt aber auch nicht allein, wenn es ums Meistern des täglichen Lebens geht. Nicht nur in Hochlohnstädten wie München fällt es teils sogar Gutverdienern schwer, hohe Mieten zu bezahlen.