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Sexismus-Debatte
Frankreich hat eine neue Heldin – und ein neues Gesetz

Marie Laguerre machte ihr Schicksal öffentlich und wurde zur Heldin im Kampf gegen Sexismus.
Marie Laguerre machte ihr Schicksal öffentlich und wurde zur Heldin im Kampf gegen Sexismus. FOTO: AP / Nicolas Garriga
Paris. Eine Frau wird in Paris belästigt und geohrfeigt. Die Szene empört die Republik, kurz bevor das Parlament Maßnahmen gegen Sexismus auf den Weg bringt. Von Christine Longin

Der Kampf gegen sexuelle Belästigung auf der Straße hat in Frankreich seit dem Wochenende einen Namen: Marie Laguerre. Die 22-Jährige stellte ein Video ins Netz, auf dem sie am helllichten Tag von einem Mann mit anzüglichen Gesten und Geräuschen verfolgt wird. Als sie ihm vor einem Straßencafé „Halt’s Maul“ zuruft, wirft er einen Aschenbecher nach ihr. „Ich ertrage diese Art von Verhalten nicht. Ich wollte nicht den Mund halten, und wir dürfen nicht den Mund halten“, fordert die Studentin auf ihrer Facebook-Seite. Für ihre Widerworte bekommt sie einen heftigen Schlag verpasst, bevor ein Barbesucher den Angreifer mit einem Stuhl bedroht und so verjagt. Marie geht zunächst unter Schock nach Hause und kehrt dann in die Bar zurück, holt die Bilder der Überwachungskamera und erstattet Anzeige.

Seither ist die Architekturstudentin zu einer Heldin im Kampf der Frauen gegen Belästigung geworden. „Marie symbolisiert gegen ihren Willen das, was viele Frauen erleben und wovor sie Angst haben“, sagt die Psychiaterin Muriel Salmona im „Le Parisien“. Gleichstellungsstaatssekretärin Marlène Schiappa empören die Bilder der jungen Frau. Überrascht ist die 35-Jährige aber nicht. „Wir waren alle schon einmal betroffen“, betont sie. 81 Prozent der Frauen gaben in einer Umfrage im April an, schon einmal auf der Straße belästigt worden zu sein.

Ein am Mittwoch in der Nationalversammlung verabschiedetes Gesetz, das Schiappa im Frühjahr einbrachte, stellt nun grobe Anmache auf öffentlichen Plätzen unter Strafe. Geldbußen zwischen 90 und 750 Euro sind für Pfiffe, unflätige Sprüche oder Nachstellen fällig. Im Herbst, wenn das Gesetz in Kraft tritt, wird sich auch zeigen, wie es in der Praxis umgesetzt werden kann.



Denn nur selten dürften die Männer, die Frauen hinterher pfeifen, auch wirklich geschnappt werden. Auch Maries Angreifer ist weiterhin auf freiem Fuß. „Wir können nicht hinter jede Frau einen Polizisten stellen“, räumt Schiappa ein. „Genauso wenig wie hinter jedes Stopp-Schild.“ Doch die Staatssekretärin hofft, dass sich die Mentalitäten langsam ändern. Vor allem, wenn mehr Zeugen bereit sind, gegen die Angreifer auszusagen. Dazu ruft die engagierte Politikern auf – „auch im Fall der Fußball-WM“.

Zahlreiche Frauen hatten sich nach dem WM-Titel der Bleus gemeldet, weil sie bei den Feiern begrapscht worden waren. „Gestern hat mich direkt nach dem Sieg Frankreichs ein Fan auf der Straße angegriffen. Er hat mich gewaltsam geküsst, obwohl ich ihn zurückgestoßen habe, er hat meine Brüste berührt und mir zwischen die Beine gegriffen, während ich mich weinend wehrte“, schrieb eine Frau nach der Siegesfeier bei Twitter.

Die weltweite #MeToo-Bewegung hatte solche Bekenntnisse auch in Frankreich möglich gemacht. Dort, wo Belästigung jahrhundertelang als Kavaliersdelikt angesehen wurde, begannen die Frauen nach dem Skandal um den US-Filmmogul Harvey Weinstein in Hollywood aufzubegehren. Zehntausende meldeten sich zu Wort, um sexuelle Übergriffe zu schildern. Doch nicht alle Französinnen waren über diese neue Offenheit glücklich. So hieß es in einem Zeitungs-Gastbeitrag von Schauspielerin Catherine Deneuve und rund 100 anderen Frauen: „Hartnäckige oder ungeschickte Flirterei ist kein Delikt“. Und weiter: „Eine Frau kann darauf achten, dass ihr Gehalt so hoch ist wie das eines Mannes, sich aber nicht durch einen Mann traumatisiert fühlen, der sich in der Metro an ihr reibt“, schreiben die Unterzeichnerinnen in dem Text, der einen Aufschrei der Empörung auslöste.

Dass die Haltung der Diva nicht mehr mehrheitsfähig ist, zeigt die Reaktion auf das Video von Marie Laguerre. Rund zwei Millionen Mal wurden die Bilder mit den Gewaltszenen im Netz bereits angesehen. „Die Männer, die sich alles auf der Straße erlauben, sind nicht mehr hinnehmbar“, schreibt die Studentin auf ihrer Seite bei Facebook. Und: „Es ist Zeit, dass diese Art Verhalten aufhört.“