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Jeder vierte Erwebstätige betroffen
Deutschland hat immer mehr „Rücken“

Berlin. Die DAK schlägt Alarm: Schon heute leidet jeder vierte Erwerbstätige unter Schmerzen. Die Tendenz ist steigend – auch wegen falscher Therapieansätze. Von Stefan Vetter

„Isch hab Rücken“ – was Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling einst satirisch aufgespießt hat, ist für Millionen Deutsche schmerzlicher Alltag. Nach einer aktuellen DAK-Studie leidet jeder vierte Berufstätige an Rückenbeschwerden. Und bei vielen ist sogar der Therapieansatz verkehrt. Nachfolgend die wichtigsten Ergebnisse der Studie:

Wie entstehen Rückenschmerzen?



Die Ursachen sind vielfältig. Eine falsche Sitzposition im Büro, zu wenig Bewegung, aber auch Termin- und Leistungsdruck können Rückenschmerzen auslösen. Aus medizinischer Sicht gehören sie zu den Muskel-Skelett-Erkrankungen. Bei drei von vier Betroffenen schmerzt konkret die Lendenwirbelsäule. 42 Prozent haben Probleme mit dem Nacken. 30 Prozent lokalisieren ihre Schmerzen in mehreren Bereichen der Wirbelsäule. Jeder zehnte Betroffene verspürt starke bis sehr starke Schmerzen. Insgesamt hatten 75 Prozent aller Berufstätigen 2017 mindestens einmal „Rücken“.

Gibt es neue Trends?

Ja. Rückenschmerzen werden immer stärker zum Fall für die Krankenhäuser. Im Jahr 2016 gab es bereits über 220 000 stationäre Fälle. Das ist ein Anstieg von 80 Prozent in den letzten neun Jahren. Auch die Zahl der Notaufnahmen ist drastisch gestiegen. 2016 waren es 30 000 Patienten mehr als 2010. Fast jeder zweite Klinikfall ist damit inzwischen ein Notfall. Eine schlüssige Erklärung für den Trend gibt es nicht. Der Gesundheitsforscher Hans-Dieter Nolting vom Berliner Iges-Institut mutmaßte gestern, dass viele Patienten gleich in die Klinik gingen, weil sie sich dort eine bessere Hilfe als beim niedergelassenen Arzt versprechen würden.

Was kann Betroffenen helfen?

Nach Ansicht von DAK-Chef Andreas Storm muss die Studie Anlass sein, „die Angebote in den Bereichen Prävention und Versorgung auf den Prüfstand zu stellen“. Der Untersuchung zufolge werden fast 60 Prozent Rückenschmerz-Patienten mit Physiotherapie behandelt. Von einer individuellen Beratung, wie mit den Schmerzen umzugehen ist, berichtet dagegen nur jeder fünfte Betroffene. So wird auch der Zusammenhang von Stress und Rückenschmerzen in den Praxen kaum thematisiert. „Rückenschmerzen sind in 80 Prozent der Fälle ein Warnsignal, das etwas schief läuft“, erklärte der Kölner Sportmediziner Ingo Froboese. Bekämpft würden aber zumeist nur die Symptome. So sollten Betroffene sich besser bewegen anstatt zu schonen, denn das verstärke die Schmerzen eher noch, meinte Froboese.

Welche Rolle spielen Krankschreibungen?

Der DAK-Untersuchung zufolge sind Rückenschmerzen die zweithäufigste Einzeldiagnose für Krankschreibungen – hinter den Infektionen der Atemwege, also beispielsweise Erkältungen und Bronchitis. Rund jeder 20. Berufstätige ist mindestens einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen krankgeschrieben. Hoch gerechnet bedeutet das rund 35 Millionen Ausfalltage im Job. Generell gilt: Ältere sind wegen Rückenleiden länger krankgeschrieben als Jüngere. Bei den 20- bis 24-jährigen Männern zum Beispiel sind es im Schnitt 6,4 und bei den Frauen im gleichen Alter 8,3 Ausfalltage. In der Gruppe der 55- bis 59-Jährigen dauern die Krankschreibungen bereits jeweils fast 15 Tage.