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Moskauer Kirche zürnt
Der Streit um die Ukraine spaltet die orthodoxe Welt

Das  Moskauer Kirchenoberhaupt Kirill bricht mit dem Patriarchen von Konstantinopel.
Das Moskauer Kirchenoberhaupt Kirill bricht mit dem Patriarchen von Konstantinopel. FOTO: AP / Sergey Vlasov
Moskau/Kiew. Am Montagabend beschloss die russisch-orthodoxe Kirche auf einer Synode in Minsk den endgültigen Bruch mit dem orthodoxen Patriarchat in Konstantinopel. Am nächsten Morgen erfuhren Russlands Gläubige bereits, welche Stätten im Ausland sie besser meiden sollten. Von Klaus-Helge Donath

Wer den Anweisungen nicht Folge leiste, müsse mit Strafen rechnen, ließ die russisch-orthodoxe Kirche (ROK) verlauten. Strafmaß und Züchtigungsart teilte die ROK indes noch nicht mit.

 Wer in Istanbul oder Antalya als Tourist beten möchte und eine orthodoxe Kirche betritt, verstößt nun gegen den Bannstrahl des Moskauer Patriarchats. Auch für Urlauber auf Rhodos oder Kreta gelte das Verbot. Gläubige der russisch-orthodoxen und griechisch-orthodoxen Kirchen dürfen nicht mehr gemeinsam die Kommunion empfangen, deren Priester keinen gemeinsamen Gottesdienst mehr feiern.

Der Bruch zeichnete sich ab, nachdem der in Istanbul residierende ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartolomaios I., Ende August frühere Bedenken ad acta legte, die ihn davon abhielten, der ukrainisch-orthodoxen Kirche Eigenständigkeit (Autokephalie) zu gewähren. Der Moskauer Patriarch Kirill schäumte und belegte Bartholomaios mit einem Gedenkverbot. Der Patriarch in Istanbul ist der oberste Würdenträger der weltweiten orthodoxen Kirche. Auch die ROK gehört ihr an. Seiner darf nunmehr in russischen Gebeten aber nicht mehr gedacht werden.



Die Rivalität zwischen der russisch-orthodoxen, der mit rund 150 Millionen Gläubigen größten Kirche, und dem ranghöchsten Orthodoxen zieht sich schon seit Jahren hin. Moskau tut sich schwer, Bartholomaios I. anzuerkennen. Die ROK trachtet danach, mit Hilfe des Kreml die führende Rolle über die weltweit 300 Millionen orthodoxen Christen selbst zu übernehmen. Die ROK versteht sich als Instrument des Kreml innen wie außen. Als Bartolomaios 2016 auf Kreta die orthodoxen Nationalkirchen zum ersten Konzil nach fast 1000 Jahren einlud, blieb die russisch-orthodoxe Kirche der Versammlung fern.

Staat und Kirche stellen im Selbstverständnis der Orthodoxie eine Einheit dar, die einen Gleichklang verkörpert, den die Kirche als „Symphonia“ bezeichnet. Die politische Mission steht in der ROK vor dem geistlichen Auftrag. Auch Russlands Sicherheitsrat traf sich vor der Minsker Synode noch zu einer dringlichen Sitzung in Moskau.

Moskau beruft sich auf ein Dokument aus dem Jahr 1686, in dem die Kiewer Kirche von Konstantinopel dem Moskauer Patriarchat anvertraut wurde. Konstantinopel und Kiew halten diese Übertragung von Vollmachten aber für nicht dauerhaft und damit widerrufbar. Dieser Streit dient beiden Seiten jedoch nur als Vorwand. Patriarch Kirill fürchtet, dass Russland mit dem Entstehen einer eigenständigen ukrainischen Kirche beim Nachbarn Einfluss verlieren würde. Die Ukraine könnte sich aus der halbkolonialen Abhängigkeit langsam befreien. Der Zugriff auf den Nachbarn dient Russland als Unterpfand, eine imperiale Macht zu sein. Der Verlustschmerz nimmt pathologische Züge an: Moskaus Kirchenvertreter fiebern Gewaltphantasien geradezu herbei. Bei der Aufteilung der Liegenschaften und Immobilien malen sie bereits wütende Horden an die Wand.

Die ROK scheint darauf gesetzt zu haben, dass auch andere Nationalkirchen gegen den ökumenischen Patriarchen aufbegehren. Bislang Fehlanzeige. In der Hitze des Gefechts droht die russisch-orthodoxe Kirche, sich selbst zu isolieren. Sie würde damit dem Beispiel Präsident Wladimir Putins folgen. Nach dem Kreml hat nun auch die Kirche die Ukraine verloren.