| 21:40 Uhr

Interview Tobias Hans
„Es geht der Union nicht gut“

 Er ist nachdenklich, aber zuversichtlich: Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident des Saarlandes.
Er ist nachdenklich, aber zuversichtlich: Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident des Saarlandes. FOTO: dpa / Oliver Dietze
berlin . Kurz vor dem Deutschlandtag der Jungen Union analysiert der saarländische Ministerpräsident die Lage seiner Partei. Von Christina Dunz

Tobias Hans warnt vor einem Niedergang seiner Partei. Der saarländische Ministerpräsident lehnt den Antrag der JU ab, über die nächste Kanzlerkandidatur die Basis entscheiden zu lassen, und stellt sich vor die angeschlagene Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Herr Hans, Sie sprechen heute Abend beim Deutschlandtag der Jungen Union in Saarbrücken. Was halten Sie von dem Antrag, die Parteibasis mit einer Urwahl über die Kanzlerkandidatur nach Angela Merkel entscheiden zu lassen?

HANS Die Junge Union muss immer rebellisch sein. Das schätze ich sehr. Aber sie muss überlegen, ob sie wirklich eine Urwahl will. Wir erleben derzeit eine Krise beider Volksparteien. Deshalb darf die CDU nicht den gleichen Fehler machen wie die SPD und sich in Personaldebatten verlieren, sonst werden ihre Umfragewerte weiter sinken. Die Union muss jetzt weiter Sacharbeit leisten und die Frage der Kanzlerkandidatur dann entscheiden, wenn sie ansteht. Das ist derzeit nicht der Fall. Wir sind bisher gut damit gefahren, die Kanzlerkandidatin oder den Kanzlerkandidat von den Spitzen von CDU und CSU gemeinsam bestimmen zu lassen. Wenn es so weit ist, habe ich die Hoffnung, dass wir das in großer Geschlossenheit hinbekommen. Dann wird es nur einen Kandidaten oder eine Kandidatin geben und dann brauchen wir auch keine Urwahl.



Der Kongress der Jungen Union wird ein Schaulaufen der möglichen Kandidaten: Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn, Friedrich Merz, Armin Laschet, Markus Söder werden da sein. Der JU-Deutschlandtag als Pulsmesser?

HANS Die JU ist wichtig für die Frage, wie es der Partei geht. Ohne sie lässt sich kein Wahlkampf gewinnen. Das wissen wir alle. Ich freue mich, dass so viele hochkarätige Unionspolitiker nach Saarbrücken kommen. Vor zwei Jahren hatten alle noch gedacht, außer Angela Merkel könne niemand die Partei und das Land führen. Nun wird gleich mehreren Persönlichkeiten zugetraut, große Verantwortung zu übernehmen. Das ist doch gut.

Nun sinkt laut Umfragen gerade das Vertrauen in CDU-Chefin und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, mehr Verantwortung zu übernehmen. Sie kennen Ihre Vorgängerin im Saarland besser als viele andere. Wie erklären Sie sich die momentane Schwäche der CDU-Chefin?

HANS Es geht der Union nicht gut. Wir haben seit längerem keine wirklich zufriedenstellenden Wahlergebnisse. Und vieles, was schiefläuft, wird automatisch der Parteivorsitzenden angelastet. Aber man muss auch wissen, dass man nicht innerhalb eines Jahres als Parteichefin das Ruder komplett herumreißen kann. Annegret Kramp- Karrenbauer ist auf einem gutem Weg, der CDU wieder mehr Selbstbewusstsein zu geben und hat bereits überfällige Debatten angestoßen. Da sollte uns der Mut nicht verlassen, auch wenn die Umfragen derzeit nicht besonders erfreulich sind. Auch dies wird wieder besser werden.

Wird die Machtpartei CDU wirklich jemandem die Kanzlerkandidatur überlassen, der oder die unpopulär ist?

HANS Annegret Kramp-Karrenbauer ist eine Kämpferin und eine sehr erfahrene Politikerin. Außer ihr hat keiner unterhalb von Merkel eine so breite Erfahrung in Regierungsämtern und mit Wahlkämpfen. Sie hat immer gezeigt, dass sie eine Situation in letzter Minute noch drehen und ins Positive wenden kann. Das hat sie erfolgreich in vielen Wahlen bewiesen. Ich bin sicher: Sie wird sich behaupten.

Wird sie sich als Kanzlerkandidatin behaupten?

HANS Sie hat als Parteivorsitzende das erste Zugriffsrecht.

Was wird fehlen, wenn Merkel geht?

HANS Es ist respektabel, wie sie ihren eigenen Abgang gestaltet und sagt, dass sie 2021 nicht mehr antritt. So wird sehr viel Geradlinigkeit der Kanzlerin in Erinnerung bleiben.

Und welche Last könnte fallen?

HANS Vielleicht hat in den langen Phasen der Einheit von Regierungschefin und Parteivorsitzender Lebendigkeit in der Parteiarbeit gefehlt. Angela Merkel hat der CDU nun die Chance gegeben, sich von ihr zu emanzipieren und als Partei ihr Profil wieder zu schärfen. Wir müssen bei der Bildungspolitik, in der Inneren Sicherheit und der Digitalisierung deutlicher machen, wo wir stehen.

Stichwort Digitalisierung: Wie wollen Sie verhindern, dass Bürger abgehängt werden? Es zeichnet sich doch eine Spaltung zwischen der jungen digitalen Generation und analogen älteren Menschen ab.

HANS Es gibt nicht die digitale Welt und die analoge Welt. Es gibt nur eine Welt. Und die sogenannte Provinz gibt es nicht mehr. Die jungen Leute auf dem Land ticken heute nicht anders als in der Stadt: New York, Rio, Tokio, Püttlingen. Es wird nicht mehr menschliche Ansprechpartner an jedem Ort geben, der Fleischer, der Bäcker, die Bank und die Post werden nicht mehr einzeln in allen Gemeinden bestehen bleiben. Dennoch wird immer noch ein Mensch da sein, der hilft, Angebote auf dem Tablet zu verstehen. Das kann der Ortsvorsteher mit einem Team sein.

Und dann wird im hessischen Altendorf ein AfD-Mann auch mit Hilfe der CDU Ortsvorsteher, weil er der Einzige gewesen sein soll, der E-Mails verschicken kann.

HANS Das muss uns eine Mahnung sein, so etwas darf nicht mehr passieren. Die Wahl wurde ja auch korrigiert.