| 20:41 Uhr

Interview Franz Müntefering
„Nicht im Liegestuhl liegen und Pillen essen“

 Schlagfertig: Franz Müntefering galt in seiner Poltik-Karriere als Mann mit klarer Meinung.
Schlagfertig: Franz Müntefering galt in seiner Poltik-Karriere als Mann mit klarer Meinung. FOTO: picture alliance / Bernd Thissen / dpa Picture-Alliance / Bernd Thissen
Trier. Der ehemalige SPD-Vorsitzende spricht im Interview über das Älterwerden, das Kandidaten-Casting seiner Partei und Malu Dreyer. Von Rolf Seydewitz

Der ehemalige SPD-Chef Franz Müntefering war am Montag für ein paar Stunden in Trier. Der 79-Jährige kam zu seiner Lesung ohne Begleitung mit dem Zug und fuhr nach der Veranstaltung auch per Bahn wieder Richtung Heimat. Zwischendurch gab er unserem Redakteur Rolf Seydewitz noch ein Interview.

Sie sprechen heute nicht über Politik, sondern über das Älterwerden. Wie kamen Sie auf das Thema?

Müntefering Das hat ja auch mit Politik zu tun. Es gibt ja eine Gesellschaftspolitik, die getragen ist von der Zivilgesellschaft und den Ehrenämtern. In dieser Funktion bin ich heute unterwegs. Nicht nur die Politik der Legislative und Exekutive ist wichtig, auch die andere. Es gibt so viele Menschen, die in diesem Bereich aktiv sind. Ich versuche, meine Erfahrungen einzubringen. Die Zahl der Älteren steigt, weil wir länger leben als jemals zuvor. Jetzt kommen die Babyboomer in die Rentenjahre. Da ist eine ziemlich große Kohorte und wird die Gesellschaft verändern.



Wie empfinden Sie selbst das Älterwerden?

Müntefering Bis jetzt ganz gut. Ich bin 79, und es geht mir noch einigermaßen gut. Etwa fünf Millionen Menschen sind 80 oder älter. Davon sind 80 Prozent in der Lage, für sich selbst zu sorgen und tun das auch. In 20 Jahren werden das etwa zehn Millionen sein.

Jetzt sind Sie körperlich und geistig fit, bei anderen in Ihrer Altersklasse trifft das weniger zu. Wie machen Sie diesen Menschen Mut?

Müntefering Man muss beim Älterwerden aufpassen, dass man auch etwas für sich selbst macht, vor allem sich bewegen – egal ob man läuft, schwimmt, kegelt, spazieren geht oder was auch immer. Das ist keine Garantie, aber eine Chance.

Wie halten Sie sich fit?

Müntefering Ich mache jeden Morgen Gymnastik und drei bis vier Mal die Woche einen schnellen Marsch. Gut ist, wenn man sich mit anderen zum Bewegungssport verabredet und trifft. Das ist auch gut für den Kopf. Also: Nicht im Liegestuhl liegen und Gesundheitspillen essen, sondern bewegen, bewegen, bewegen. Das Beste ist Tanzen.

Haben Sie noch einen Tipp?

Müntefering Soziale Kontakte pflegen. Man muss aufpassen, dass man im Alter nicht vereinsamt. Also: Kontakte systematisch suchen, gemeinsam Essen gehen. In manchen Großstädten gibt es zwischen 40 und 50 Prozent Einpersonenhaushalte. Um die Zweidrittel Studenten muss man sich nicht sorgen, aber es bleibt eine große Zahl an Menschen, die alt und einsam sind.

Hat die Politik das ausreichend im Blick?

Müntefering Man benötigt in den Kommunen eine sogenannte zugehende Sozialarbeit, die ältere Leute mit der gebotenen Zurückhaltung anspricht und fragt: Habt ihr ein Problem? Wir können helfen. In einigen Kommunen klappt das auch schon.

Sie sind vor sechs Jahren aus dem Bundestag ausgeschieden. Wie sieht es da mit der Entwöhnung aus?

Müntefering Ich habe damals angefangen, zivilgesellschaftlich unterwegs zu sein, bin jetzt Präsident beim Arbeiter-Samariter-Bund und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen. Zählt man die Mitglieder unserer Verbände, sind das acht bis neun Millionen. Ich war noch nie Vorsitzender eines solch großen Vereins, der ohne Werbung immer größer wird.

Vor zehn Jahren waren Sie SPD-Vorsitzender, derzeit ist die Partei mal wieder auf der Suche nach einer neuen Führungsspitze. Was halten Sie von dem Verfahren mit den Regionalkonferenzen und dem Mitgliederentscheid?

Müntefering Das hat die Partei beschlossen, das muss jetzt zum Erfolg geführt werden. Das ist ein Versuch, und es ist mutig. Es haben sich ja hinreichend viele Kandidatenpaare gemeldet, auch wenn der ein oder andere noch aussteigt, weil er merkt, dass er keinen Erfolg haben wird.

Sie klingen in dem Punkt nicht gerade euphorisch ...

Müntefering Die Partei ist jedenfalls interessiert, die Mitglieder gucken sich das an und informieren sich. Das Problem ist: Wenn es so viele Bewerber sind, kann der Einzelne bei den Regionalkonferenzen wenig sagen. Da wird es schwierig, sich ein Bild davon zu machen, was der Einzelne eigentlich insgesamt will.

Haben Sie ein persönliches Favoritenduo?

Müntefering Ja. Ich behalte es aber für mich.

Lieber Doppelspitze oder Einzelbewerber?

Müntefering Eine Doppelspitze hat es schon häufiger gegeben, wenn auch dann besetzt mit zwei Männern. Es war allerdings so, dass bei einer Doppelspitze hinterher immer nur einer in Erinnerung blieb. Aber ich finde das gut; ich finde auch gut, dass eine Frau und ein Mann die Doppelspitze bilden.

Ihre Partei rangiert in aktuellen Umfragen bei 15,16 Prozent. Wie kommt die SPD aus dem Tal der Tränen wieder raus?

Müntefering Das betrifft ja auch Sozialdemokraten in anderen Ländern. Die Arbeitswelt hat sich verändert, und das schlägt sich auch bei uns nieder. Der automatische Zulauf, die Nibelungentreue gibt es so nicht mehr. Und natürlich hat sich die Frage verändert, was eine Partei eigentlich leisten kann. Früher waren Parteien eine Art Arbeitervolkshochschule. Wir haben permanent auf Seminaren gelernt und gefragt. Heute wird kaum noch gefragt, jeder macht sich seinen Reim. Die Information ist komplizierter geworden, weil viele mitreden und sich dichte Netzwerke bilden. Da ist es für die Partei schwer geworden; das gilt für alle demokratischen Parteien.

Die Grünen schaffen das derzeit offenbar problemlos.

Müntefering Die Grünen haben im Moment Zulauf. Aber wenn sie ans Regieren kommen, schlägt die Stunde der Wahrheit. Im Moment leben sie davon, dass sie nicht mehr die Pfadfinder sind wie zu unserer Zeit Fischer, Künast oder Trittin. Heute nehmen sie alles auf, widersprechen wenig. Das ist sympathisch, aber wenn es ans Regieren geht, werden sich die Grünen auch beweisen müssen. Und sie ersetzen nicht die sozialdemokratische Idee.

Ihre Meinung zur AfD?

Müntefering Das Gute an der Demokratie ist, dass sich alle Parteien vertrauen und sagen: Wenn der andere gewinnt, ärger ich mich, aber die werden die Demokratie nicht kaputtmachen. Der AfD glaube ich nicht, dass sie mit der Demokratie so umgeht, dass es gut weitergeht. Ich traue der AfD keine demokratische Grundhaltung zu, bei der man keine Angst haben muss, wenn man in der Minderheit wäre.

Was halten Sie von Malu Dreyer?

Müntefering Große Frau, ganz wichtig. Das war eine große Sache von Kurt Beck, dass er sie zu seiner Nachfolgerin gemacht hat.

Bedauern Sie, dass Dreyer nicht für den Parteivorsitz kandidiert?

Müntefering Es ist keine Frage, dass sie das könnte. Aber wenn sie das selbst für sich entscheidet, muss man das akzeptieren.