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US-Demokraten auf Kandidatensuche
Neuer Lincoln oder doch Clinton gegen Trump?

Washington. Es klang sehr bestimmt, wie Mark Penn eine dritte Kandidatur Hillary Clintons fürs Weiße Haus prophezeite. Sie werde nicht hinnehmen, dass die demütigende Schlappe im Duell gegen einen Amateur das Ende ihrer Karriere bedeute, schrieb ihr ehemaliger Kampagnenmanager soeben im Wall Street Journal.  Man könnte seine Prognose als irrelevant abtun, wären da nicht auch Wortmeldungen Clintons, die unverändert brennenden Ehrgeiz verraten. Von Frank Herrmann

„Nun, ich wäre gern Präsidentin“, sagte sie neulich bei einem Auftritt im 92Y, einem Club in Manhattan. Trump habe Freunde wie Feinde verwirrt, keiner wisse mehr, wofür Amerika eigentlich stehe. Es klang, als wollte sie es noch einmal wissen. Oder war es doch nur ein wehmütiges Hadern mit der eigenen Niederlage?

Die Kongresswahlen sind Geschichte, immer mehr rückt in den Fokus, wen die Demokraten 2020 ins Rennen gegen Trump schicken. Obwohl sie die Mehrheit im Repräsentantenhaus erobern und damit zumindest einen Teilsieg erringen konnten, sind sie sich keineswegs einig, mit welcher Botschaft sie in dieses Rennen ziehen sollen. Ein progressiver Flügel, stark in den Metropolen der Ost- und Westküste, fordert einen Schwenk nach links. Eine pragmatische Fraktion will dagegen die politische Mitte besetzen, auch mit Blick auf die weiße Arbeiterschaft, die sich von den Demokraten ab- und Trump zuwandte, weil sie sich von der linksliberalen Elite nicht mehr verstanden fühlte. Und da US-Parteien über Personen entscheiden, wird die Kür der Kandidaten zu einem Richtungsstreit.

Auf der Linken sind es drei Senatoren, deren Namen bei keiner Debatte fehlen: Bernie Sanders, Elizabeth Warren und Kamala Harris. Sanders, nominell parteilos, ist der unbestrittene Wortführer dieses Flügels. Allerdings stellt sich die Frage, ob er mit seinen 77 Jahren einen gnadenlos harten Wahlkampfmarathon durchstehen kann, der auch Jüngere an den Rand der Erschöpfung bringt. Warren, die sich im Zuge der Finanzkrise als kompetente Kritikerin der Wall-Street-Banken profilierte, gilt als eine Art Chefökonomin der Linken. Harris, Tochter eines aus Jamaika stammenden Wirtschaftswissenschaftlers und einer in Indien geborenen Krebsforscherin, steht für das weltoffene Kalifornien, das sich voller Selbstbewusstsein als Kontrast zu Trumps nationalistischer Vision von Amerika versteht. Zusehends ins Rampenlicht rückt Sherrod Brown. Die Senatswahl in Ohio, einem jener alten Industriestaaten, denen Trump seinen Wahlsieg verdankt, hat er mit fast acht Prozentpunkten Vorsprung gewonnen. Er habe unbeirrt die Interessen von Arbeitern und Gewerkschaften vertreten, jubelte Brown nach seinem Triumph. „Dies ist 2018 die Botschaft aus Ohio, und 2020 wird es das Rezept für das ganze Land sein.“



Im Lager der Pragmatiker liegt Ex-Vizepräsdient Joe Biden an der Spitze der Meinungsumfragen. Auch er ein Mann, der die Sprache der Malocher versteht. Allerdings: Würde er im Januar 2021 vereidigt, wäre er 78.

Als Geheimtipps gelten Amy Klobuchar, die unaufgeregte Senatorin aus Minnesota, und Eric Garcetti, der Bürgermeister von Los Angeles. Letzterer ein Praktiker, der sich ideologisch nicht festlegen lässt. Schließlich wäre da noch Beto O’Rourke, der charismatische Abgeordnete aus El Paso. Eine Kategorie für sich. Mit den Forderungen der Linken begab er sich in Gegenden, die fest in republikanischer Hand zu sein schienen. Knapp drei Prozent fehlten O’Rourke zum Sieg über den Konservativen Ted Cruz, in Texas die knappste Niederlage eines Demokraten seit Langem. Er selber verbucht es als Beleg dafür, dass es die Wähler zu schätzen wissen, wenn sich einer auch in der Hochburg des politischen Gegners treu bleibt. Die Fans des 46-Jährigen erinnern an Abraham Lincoln. Auch der verlor ein Senatsvotum, bevor er 1861 ins Weiße Haus gewählt wurde.