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Dramatische Lage in Syrien
Chaos, Tod und zwei Rivalen

Er sieht seinen Kampf gegen die Terrormiliz IS gefährdet: US-Präsident
Donald Trump.
Er sieht seinen Kampf gegen die Terrormiliz IS gefährdet: US-Präsident Donald Trump. FOTO: Evan Vucci / dpa
Afrin. Kaum ist die syrische Stadt Afrin in türkischer Hand, plant Erdogan bereits den nächsten Feldzug. Doch der ist besonders heikel. Von Susanne Güsten

() Eines zeichnet sich in Syrien ab: Die Stadt Afrin ist dem türkischen Präsidenten nicht genug. Er verfolgt größere Ziele. Vor allem eines: die syrische Kurdenmiliz YPG möglichst aus der ganzen Region zurückzudrängen.

Nach der Einnahme der nordwestsyrischen Stadt Afrin am Sonntagmorgen plant Recep Tayyip Erdogan nun den nächsten Feldzug – diesmal im Irak. Erdogan droht mit einem Einmarsch im nordirakischen Sindschar, mit dem Ankara die Verbindungswege der YPG zum Hauptquartier der Terrororganisation PKK im Irak blockieren würde. Die türkischen Militäraktionen treffen auf wachsende Kritik der USA, doch Erdogan verschärfte seine Kritik an Washington gestern noch einmal. Er setzt darauf, dass die Amerikaner am Ende nachgeben werden. Die Aufmerksamkeit richtet sich nun auf die syrische Stadt Manbidsch, in der US-Soldaten zusammen mit der YPG stationiert sind. Ankara betrachtet die kurdische Autonomiezone unter Herrschaft der YPG entlang der türkischen Grenze mit Syrien als Gefahr für die nationale Sicherheit. Inzwischen stehen türkische Truppen auch im nordwestsyrischen Idlib; schon 2016 hatte die türkische Armee das nordsyrische Dscharablus am Euphrat unter türkische Kontrolle gebracht. Wenn Erdogan wie angekündigt jetzt Soldaten nach Sindschar schickt, wäre der kurdische Autonomiegürtel im Osten vom Nachschub aus dem Irak abgeschnitten. Dort unterhält die PKK ihr Hauptquartier und viele Stützpunkte.

In Afrin selbst beginnt die Türkei unterdessen damit, dauerhafte Strukturen zu schaffen, die die Kontrolle über das Gebiet zementieren sollen. So wurde in der türkischen Stadt Gaziantep ein 30-köpfiger Rat gebildet, der nach der Vertreibung der YPG die Verwaltung von Afrin übernehmen soll. 



Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) begann gestern indes mit der Verteilung von Hilfsgütern an Vertriebene. Rund 75 000 Flüchtlinge aus Afrin haben nach UN-Angaben in der weiter östlich gelegenen Stadt Tal Rifaat Zuflucht gefunden, die von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und der syrischen Armee kontrolliert wird. Rund 20 000 haben nach UN-Angaben Zuflucht in den Ortschaften Nebol und Sahra gefunden, die unter Kontrolle der syrischen Regierungstruppen stehen. Die türkische Armee hatte am Sonntag nach zweimonatigen Kämpfen die Stadt Afrin eingenommen, nachdem sich die YPG-Miliz kampflos zurückgezogen hatte.

Das größte Problem aus türkischer Sicht ist nun die Region zwischen dem Euphrat im Westen und der irakischen Grenze im Osten: Dort herrscht die YPG mit Unterstützung der USA, die beim Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) auf die Kurden setzen. Der Einmarsch in Afrin schwäche diesen Kampf, kritisiert die US-Regierung. Der IS könne sich vielerorts neu formieren, weil die YPG viele Kämpfer für die Verteidigung ihrer Gebiete an der türkischen Grenze abgezogen hätte.

Erdogan wischt die Einwände vom Tisch. Die USA hätten die „Terroristen“ von der YPG mit Waffen ausgerüstet, gleichzeitig aber Rüstungslieferungen an die Türkei abgelehnt. Wenn Amerika die Türkei als strategischen Partner betrachte, dann müssten die USA sein Land „respektieren“, sagte er – sprich: die türkischen Wünsche in Nordsyrien erfüllen.

Seit Wochen streiten sich Türken und Amerikaner über die Zukunft von Manbidsch, das etwa hundert Kilometer östlich von Afrin liegt und von der türkischen Armee ins Visier genommen wird. Ankara behauptet, Washington habe einem Abzug der YPG aus Manbidsch zugestimmt, was die US-Regierung bestreitet. Nach kurdischen Angaben bekräftigte eine Delegation des US-Außenministeriums bei einem Besuch in Manbidsch in den vergangenen Tagen die Zusage Amerikas, die Stadt gegen die Türken zu verteidigen.

Schon jetzt ist absehbar, dass der Konflikt in Nordsyrien die Beziehungen zwischen der Türkei und den USA dauerhaft beschädigt hat. Im US-Kongress werden Rufe nach Sanktionen gegen Ankara laut.