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Für saubere Meere
Brüssels Kampf gegen die Plastik-Halme

Cocktail-Schlürfen mit Einweg-Plastik-Strohhalmen soll bald der Vergangenheit angehören – zumindest, wenn es nach der EU-Kommission geht.
Cocktail-Schlürfen mit Einweg-Plastik-Strohhalmen soll bald der Vergangenheit angehören – zumindest, wenn es nach der EU-Kommission geht. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Brüssel. Die EU-Kommission nimmt gezielt Einweg-Produkte ins Visier, die die Meere vermüllen. An den Plänen gibt es Kritik – von der Industrie und Umweltschützern.

Die Grillparty der Zukunft sieht wohl etwas anders aus. Kein Kartoffelsalat mehr auf Plastiktellern, kein Kampf mehr mit Plastikmessern und -gabeln gegen zähe Steaks, keine Plastikstrohhalme in der Limo. Die EU-Kommission forderte gestern ein Verbot solcher Wegwerfware, um die Meere besser vor Plastikmüll zu schützen. Aber keine Sorge, meinte Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans, Grillpartys und Cocktails werde es auch künftig geben. Die Produkte verschwänden nicht, sie seien nur künftig nicht mehr aus Plastik.

Schon im Januar forderte die Brüsseler Behörde in einem Strategiepapier, bis 2030 alle Kunststoffe wiederverwertbar zu machen. Jetzt legt sie mit konkreten Vorschlägen für Vorschriften und Verbote nach und begründet dies mit dem Schutz der Ozeane. Jährlich landen nach Kommissionsangaben 500 000 Tonnen Plastikmüll im Meer, mit verheerenden Folgen für Fische und Vögel und auch für die menschliche Nahrungskette. Bis zu 85 Prozent des Mülls an europäischen Stränden sind nach EU-Angaben Plastik, die Hälfte davon Wegwerfprodukte zum einmaligen Gebrauch. Eine große Rolle spielen auch Fischernetze.

Die EU-Kommission nimmt mit ihrer Richtlinie gezielt die zehn Plastikprodukte ins Visier, die am häufigsten im Strandmüll auftauchen. Verboten werden sollen Produkte, für die es Alternativen gibt: etwa Einmalgeschirr, Trinkhalme und Wattestäbchen. Darüber hinaus nennt die Kommission Einmalprodukte, die nicht verboten, aber massiv zurückgedrängt werden sollen, darunter Verpackungen für Fastfood, Luftballons, Getränkeverpackungen und Deckel. Sie sollen künftig einheitliche Labels mit Hinweisen zur umweltfreundlichen Entsorgung tragen.



Die EU-Staaten sollen den Verbrauch durch nationale Ziele deckeln. Zudem sollen sie bis 2025 mindestens 90 Prozent der Einwegplastikflaschen getrennt sammeln, zum Beispiel mit Hilfe eines Einwegpfands, wie es in Deutschland schon 2003 eingeführt wurde. Für die Entsorgung zahlen sollen auch die Hersteller von Fischernetzen.

Bis die Verbote gelten, kann es Jahre dauern. Zunächst ist es nur ein Vorschlag, der nun mit dem EU-Parlament und den EU-Staaten geklärt werden muss. Vor der Europawahl 2019 wird das knapp. Ist sie einmal verabschiedet, müsste die Richtlinie von den EU-Staaten auch noch umgesetzt werden.

Doch schon jetzt gibt es Kritik: Das wirtschaftsnahe Centrum für Europäische Politik beklagt, die Kommission schieße mit den Verboten übers Ziel hinaus und schränke die Wahlfreiheit der Verbraucher ein. Ähnlich sieht das der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber: Die Kommission kümmere sich hier um Schnickschnack.

Die Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK) wirft der EU-Kommission vor, Symbolpolitik zu betreiben. Jürgen Bruder von der IK gibt zu bedenken: „Wenn es zu einem Trend geworden ist, unterwegs zu essen und zu trinken, gilt es, nachhaltige Lösungen dafür zu stärken, ohne bestimmte Materialien zu diskriminieren.“

Die Grünen finden die Pläne gut, aber nicht ausreichend. Entscheidend seien eine Reduzierung des Verpackungsmülls und höhere Recyclingquoten, deshalb brauche man komplette Wiederverwertbarkeit von Kunststoffen schon 2025. Auch dem Umweltverband WWF geht der Vorstoß nicht weit genug: „Wegwerfplastik direkt anzugehen ist wichtig, aber die EU nimmt hier mit Einwegartikeln aus der Gastronomie nur die Spitze des Eisbergs ins Visier“, sagt Meeresschutzexpertin Heike Vesper. Europaweit müssten deutlich klarere Signale in Richtung Vermeidung und Kreislaufwirtschaft gesetzt werden.