| 22:00 Uhr

Tory-Parteitag
Theresa Mays Albtraum

Manchester. Die Rede der gesundheitlich angeschlagenen Premierministerin auf dem Tory-Parteitag ging daneben. Katrin Pribyl

Es sollte um den „britischen Traum“ gehen, mit dem Premierministerin Theresa May gestern auf großer Bühne Optimismus für die Zukunft verbreiten wollte und gleichzeitig auf einen Befreiungsschlag als Regierungschefin hoffte. Unter Ovationen trat sie vor die Konservativen. Doch ihre Rede zum Abschluss des viertägigen Parteitags wurde zum persönlichen Albtraum.

Nicht nur, dass ihr aufmüpfiger Außenminister Boris Johnson abermals die Schlagzeilen im Vorfeld bestimmte. Nicht nur, dass ein Komiker die Ansprache störte, indem er May mit Verweis auf Johnson ein Formular überreichte, das in Großbritannien bei einer Entlassung ausgehändigt wird. Das Schlimmste für die ohnehin angezählte May: Sie verlor ihre Stimme. Führungsstärke demonstrieren und den Fokus auf eine innenpolitische Agenda lenken, das war der Plan. Stattdessen erntete eine schwach wirkende Premierministerin vor allem Mitleid. Es war fast qualvoll zuzuschauen, wie sie sich durch die Rede hustete, räusperte und krächzte. Viele ihrer Sätze und mit ihnen der Inhalt gingen schlichtweg unter, weil die Chefin der Tories unter den Folgen einer Erkältung litt. Die Vorstellung, rar an neuen politischen Ideen, steht symbolisch für die vergangenen Monate.

May begann mit einer demütigen Geste und entschuldigte sich für die schiefgelaufene Parlamentswahl im Juni. Die Kampagne sei zu sehr nach Drehbuch geführt worden. „Ich übernehme die Verantwortung. Ich habe den Wahlkampf angeführt. Es tut mir leid.“ Die Vorsitzende weiß um die Frustration bei den Konservativen, die sich in Manchester unaufhörlich die Existenzfrage stellten. „Diese Partei liegt im Sterben“, hieß es immer wieder. Sinkende Mitgliederzahlen, eine alternde Anhängerschaft und eine fehlende Anziehungskraft für junge Briten – frustrierte Tories suchten nach Lösungen.



Dass der Superstar dieser Tage ein Hinterbänkler namens Jacob Rees-Mogg war, sagt viel aus über den Zustand der Tories. Wie aus dem Bilderbuch-Establishment entsprungen, tritt der 48-Jährige stets mit zweireihigem Anzug und Oberschichten-Englisch auf. Kritiker sehen auch seine Ideen in vergangenen Zeiten verankert. Rees-Mogg twittert auf Latein, ist gegen Abtreibung und die gleichgeschlechtliche Ehe, doch insbesondere beim Thema Brexit überzeugt er als Hardliner seine Fans. Manche räumen ihm mittlerweile sogar Chancen ein, eines Tages in die Downing Street einzuziehen.

Dahin will aber vor allem Boris Johnson, der seit Wochen Theresa May vor sich hertreibt. Er gab sich während seiner Parteitagsrede am Dienstagnachmittag allerdings zahm und sorgte mit Witzen und Esprit für etwas gute Stimmung in der Tristesse. Es sei Zeit, „das Referendum nicht mehr wie eine Eiterbeulenpest oder eine Rinderpest oder einen unerklärlichen Fehltritt von 17,4 Millionen Menschen zu behandeln“, fand er. Kaum war Johnson runter von der Bühne, sorgte er noch für einen Eklat: Die ehemalige IS-Hochburg Sirte in Libyen mit ihrem „weißen Sandstrand, wunderschönen Meer“ könne zu einem neuen Dubai werden, sagte Johnson bei einer Veranstaltung und fügte witzelnd hinzu: „Sie müssen nur die Leichen wegräumen.“