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Brexit-Chaos in London
Der Brexit-Frust beflügelt schottische Unabhängigkeitsträume

Stirling. Beim Unabhängigkeitsreferendum vor fünf Jahren haben Befürworter einer schottischen Eigenständigkeit den fehlenden Einfluss in der britischen Regierung beklagt. Inzwischen sehen auch viele ihrer Gegner eine Art Kontrollverlust. ap

Eine Mehrheit der Schotten wollte damals den Verbleib im Vereinigten Königreich. Knapp zwei Jahre später sprach sich eine Mehrheit der Schotten aber auch für einen Verbleib in der Europäischen Union aus. Die Ablehnung des Bre­xits war nicht nur insgesamt sehr groß. In keinem einzigen der schottischen Wahlkreise konnte sich das „Yes“-Lager durchsetzen. Anders ausgedrückt: Gegen ihren Willen sollen die Schotten nun aus der EU herausgerissen werden – womöglich schon am 31. Oktober und womöglich ohne Abkommen mit Brüssel.

Bei einem harten Brexit drohen Experten zufolge erhebliche negative Folgen für die britische Wirtschaft. Trotzdem tut Premierminister Boris Johnson derzeit alles dafür, genau einen solchen durchzusetzen. Kritiker verurteilen einige seiner taktischen Manöver als undemokratisch. In Schottland ist der Ärger über die Machenschaften in Westminster besonders groß.

Wer auch immer nach dem geplanten Brexit in London an der Macht sein wird: Einiges deutet darauf hin, dass die schottische Unabhängigkeitsbewegung erneut ein zentrales Thema werden könnte. Befürworter einer Abspaltung von Großbritannien fordern längst immer lauter ein weiteres Unabhängigkeitsreferendum. Auch unter denen, die 2014 noch mit Nein stimmten, sähen sich viele inzwischen lieber als unabhängige Schotten in der EU denn als Teil eines isolierten Inselstaates.



Chris Deerin, Leiter des konservativ ausgerichteten Instituts Reform Scotland, war 2014 ein entschiedener Vertreter des „No“-Lagers. In öffentlichen Stellungnahmen bezeichnete er ein Verlassen des Vereinigten Königreichs damals als „vollkommen bizarr“ und „fast undenkbar“. Angesichts des sich abzeichnenden Brexits ist er mit seiner Wortwahl nun vorsichtiger: „Ich bin noch nicht an dem Punkt, dass ich mit Ja stimmen würde. Aber es ist definitiv nicht undenkbar.“

Auch unter seinen Bekannten, die vor fünf Jahren mit Nein gestimmt hätten, seien heute viele zumindest „offen für Diskussionen“, sagt Deerin. Und der Grund dafür sei klar: „Sollte Schottland 2025 oder 2030 unabhängig sein, dann wäre das ganz sicher in erster Linie eine Folge des Brexits.“ Denn der habe Schottland gegen England aufgebracht.

Ob es aber überhaupt zu einem zweiten Referendum käme, ist ungewiss. Die Regierung in London hat dies wiederholt ausgeschlossen. Und Johnson dürfte, seinem bisherigen Regierungsstil nach zu urteilen, in dieser Frage kaum zum Nachgeben geneigt sein. Unter den schottischen Abgeordneten in London ist der Premierminister nicht nur deswegen äußerst unbeliebt.

„Sind Sie ein Demokrat oder nicht? Respektieren Sie den Willen des schottischen Volkes oder nicht?“, fragte Ian Blackford, der für die pro-europäische Scottish National Party im Parlament sitzt, während einer Debatte am Dienstag den Regierungschef. „Die schottische Bevölkerung hat nicht für den Brexit gestimmt. Die schottische Bevölkerung hat nicht für einen No-Deal-Bre­xit gestimmt. Sie hat nicht die Tory-Partei gewählt und sie hat vor allem nicht diesen Premierminister gewählt.“

Solche Worte kommen bei den Unabhängigkeitsbefürwortern im Norden gut an. Der in Edinburgh lebende Schauspieler Gilchrist Muir sagt, er habe die Nationalflagge des Vereinigten Königreichs schon lange als „Symbol der Unterdrückung“ betrachtet. Die Entwicklungen in Westminster machten ihn pessimistisch, sagt er. „Ich fühle mich wie ein Passagier in einem Auto, das außer Kontrolle geraten ist – der Fahrer ist verschwunden und du hast keinen Einfluss darauf, wohin der Wagen fährt.“ Das Parlament sei gekapert worden. „Wir haben nichts zu sagen. Schottland hat keine Stimme.“