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Treffen der Weltmächte
75 Jahre nach Jalta ruft Russland zu neuem Gipfel

 Jalta-Konferenz im Februar 1945: Churchill, Roosevelt, Stalin.
Jalta-Konferenz im Februar 1945: Churchill, Roosevelt, Stalin. FOTO: dpa / -
Jalta. Im Liwadija-Palast in Jalta auf der Halbinsel Krim ist die Erinnerung an das wichtigste Treffen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg im Kampf gegen Hitler bis heute lebendig. Exponate in den Sälen erzählen davon, wie Sowjetdiktator Josef Stalin, US-Präsident Theodore Roosevelt und Großbritanniens Premier Winston Churchill vor 75 Jahren in dem Schwarzmeer-Kurort die Nachkriegsordnung festlegten. Von Ulf Mauder, dpa

Eine neue Weltordnung mit der Uno und dem Weltsicherheitsrat, der Entnazifizierung und Aufteilung Deutschlands. Die Krim-Konferenz von Jalta vom 4. bis 11. Februar 1945 ging in die Geschichte ein – ebenso das Foto von Churchill, Roosevelt und Stalin vor der Konferenz.

Besucht wird die Ausstellung im Palast indes kaum. Seit die EU und die USA Russland wegen der Annexion der Krim 2014 mit Sanktionen bestrafen und die Ukraine vor Krim-Reisen warnt, ist westliches Publikum rar geworden.

Russland nutzt den Jalta-Jahrestag, um an die Rolle der Sowjetunion bei der Befreiung Europas vom Faschismus zu erinnern. Damals hatte die Rote Armee gerade das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Am 9. Mai will Kremlchef Wladimir Putin den Sieg über Hitler in Moskau mit der größten Militärparade der russischen Geschichte begehen – mit Staatenlenkern aus aller Welt.



Und Putin hat noch einen anderen Plan: Er hält die Zeit reif dafür, angesichts der Vielzahl internationaler Probleme die Weltmächte erneut zu einem großen Gipfel an einem Tisch zu bringen. Mit dem Vorschlag überraschte er die Weltöffentlichkeit, als er beim Holocaust-Gedenken im Januar in Yad Vashem in Israel auftrat.

Inzwischen hat Putin nach Kremlangaben die Einladungen an die vier Atommächte mit Vetorecht im Sicherheitsrat verschickt und wartet auf Zusagen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron befürwortete den Gipfel prompt. Auch auf China kann sich Russland verlassen. Offen ist aber, wie US-Präsident Donald Trump und Großbritanniens Premier Boris Johnson den Vorschlag aufnehmen. In westlichen Diplomatenkreisen ist jedenfalls von einem geschickten Schachzug Putins die Rede. Es sei schwierig, das einfach ins Leere laufen zu lassen – angesichts der Vielzahl von Krisen.

Putin sieht sein Land mit Blick auch auf die Rolle Russlands in den Kriegen in Syrien und Libyen längst wieder als Macht auf der Weltbühne. Ein Gipfel der Fünf soll diesen Anspruch festigen – und womöglich auch neue atomare Abrüstungsinitiativen anstoßen, nachdem Verträge zwischen Moskau und Washington aus dem Kalten Krieg einer nach dem anderen aufgelöst werden.

Die Initiative Putins für ein „neues Jalta“ solle Spielregeln festlegen für die internationale Politik und Globalisierung, schreibt der Moskauer Politologe Dmitri Jewstafjew in dem Expertenportal Eurasia.Expert. Russland sehe, dass „die Grundlagen des internationalen Rechts und des Systems der internationalen Beziehungen zerstört werden“. Das Land wolle daher als „Großmacht“ den Prozess hin zu einer multipolaren Welt aktiv mitgestalten.

Historiker Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau hält ein solches Format der Weltmächte für ein überholtes Modell aus dem 20. Jahrhundert. „Es ist kaum vorstellbar, dass so etwas heute noch funktioniert. Wenn es um große Atommächte geht, müsste auch Indien mit dabei sein. Und es gibt ja andere Gruppen wie die G 20, die internationale Fragen lösen sollen“, sagt Uhl. Sicher sei aber, dass ein Tagungsort Jalta nicht machbar sei – wegen der Krim-Annexion. „Und auch eine Befreier-Rolle Russlands gibt es heute nicht mehr.“