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Analyse: Die Vor­gän­ge in Thü­rin­gen mar­kie­ren nicht den Rück­fall in un­heil­vol­le Zeiten
Wei­mar, immerwährende deut­sche War­nung

Erfurt. In Thü­rin­gen wur­den Feh­ler be­gan­gen, die ha­ne­bü­chen sind. Die Er­schüt­te­rung dar­über aber darf den Blick auf die La­ge nicht ver­stel­len. Von Martin Bewerunge und Frank Vollmer

Ein Hauch von Wei­mar liegt über der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, seit es sie gibt. Denn die­se Re­pu­blik ist nicht denk­bar oh­ne je­ne vor­he­ri­ge, die schei­ter­te. Auf die al­te Fra­ge, ob sich Ge­schich­te wie­der­ho­le, traut sich nie­mand, ei­ne ab­schlie­ßen­de Ant­wort zu ge­ben, aber ein paar Ge­wiss­hei­ten darf man her­vor­he­ben.

Ei­ne da­von lau­tet, dass wir das En­de von Wei­mar ken­nen. Bonn wur­de der Ge­gen­ent­wurf, da­mit sich Ge­schich­te eben nicht wie­der­holt. Wir sind schon des­we­gen nicht Wei­mar, weil wir Wei­mar durch­ge­macht ha­ben. Und weil sich aus der Ge­schich­te ler­nen lässt.

„Ich bin der Mei­nung, dass es nicht zum Be­griff der De­mo­kra­tie ge­hört, dass sie sel­ber die Vor­aus­set­zun­gen für ih­re Be­sei­ti­gung schafft.“ So skiz­zier­te 1948 der So­zi­al­de­mo­krat Car­lo Schmid das neue Prin­zip der ab­wehr­be­rei­ten, der wehr­haf­ten De­mo­kra­tie. Schmid war ei­ne Schlüs­sel­fi­gur des Par­la­men­ta­ri­schen Ra­tes, der das Grund­ge­setz aus­ar­bei­te­te. Und die­se Ver­fas­sung sieht tat­säch­lich Maß­nah­men zum Schutz der frei­heit­li­chen Grund­ord­nung vor, wel­che die Wei­ma­rer Re­pu­blik nicht kann­te.



Der über­star­ke Prä­si­dent, die schwa­che Re­gie­rung, de­ren Mit­glie­der der Reichs­tag ein­zeln per Miss­trau­ens­vo­tum „ab­schie­ßen“ konn­te, oh­ne Nach­fol­ger zu wäh­len, das heik­le In­stru­ment des na­tio­na­len Re­fe­ren­dums, zu­dem die un­heil­vol­len Not­ver­ord­nun­gen, die dem Prä­si­den­ten brei­ten an­ti­par­la­men­ta­ri­schen Spiel­raum er­öff­ne­ten – all das wa­ren Web­feh­ler der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung, die das Grund­ge­setz kor­ri­giert hat. In ih­rer Kom­bi­na­ti­on er­leich­ter­ten sie es Hit­ler, an die Macht zu kom­men.

Da war die be­reits er­wähn­te Ver­fas­sung. Da wa­ren die Eli­ten, die den Staat hät­ten tra­gen müs­sen, die ihn aber zu be­trächt­li­chen Tei­len ab­lehn­ten – Rich­ter und Be­am­te sei­en stell­ver­tre­tend ge­nannt. Da wa­ren die bür­ger­li­chen Po­li­ti­ker, die sich Hit­ler ent­we­der dienst­bar ma­chen woll­ten oder ihn schlicht nicht ernst nah­men oder bei­des. Da war die Ver­schwö­rung der Ex­tre­mis­ten, das „Sys­tem“ von Wei­mar zu stür­zen. Da war ei­ne ver­hee­ren­de Wirt­schafts­kri­se, und vor und über al­lem ein ver­lo­re­ner Krieg, die wohl größ­te Hy­po­thek, aus der vie­le der an­de­ren Be­las­tun­gen erst ent­stan­den.

Von die­sem Ka­ta­log bleibt heu­te nicht viel; in­nen­po­li­tisch nichts. Es mag plau­si­bel klin­gen, von Ero­si­on der Mit­te zu spre­chen, wenn Uni­on und SPD mit Not noch auf 40 Pro­zent kom­men, aber ge­ra­de in Thü­rin­gen ist die Lin­ke eben kei­ne sys­tem­ge­fähr­den­de Par­tei, son­dern eher so et­was wie die SPD vor 30 Jah­ren.

Aber ist nicht Tho­mas Kem­me­rich mit­hil­fe des Fa­schis­ten Björn Hö­cke an die Macht ge­kom­men? Le­gi­ti­miert nicht spä­tes­tens das die deut­sche War­nung: Wei­mar? Man darf, wie Äp­fel mit Bir­nen, Er­furt mit Wei­mar und Hö­cke mit Hit­ler ver­glei­chen. Es mag po­li­tisch wir­kungs­voll sein, his­to­risch führt es in die Ir­re. Wer Hö­cke mit Hit­ler ver­gleicht, der macht die deut­sche De­mo­kra­tie schwä­cher, als sie ist. Vor al­lem aber er­weist er der Er­in­ne­rung an die Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ei­nen schlech­ten Dienst. In der AfD-Zen­tra­le wird al­ler­hand Wi­der­wär­ti­ges, Ver­fas­sungs­feind­li­ches er­son­nen, aber kein neu­er Ho­lo­caust, auch kein Er­obe­rungs­krieg.

Auch wenn man Hö­cke ei­nen Fa­schis­ten nen­nen darf und sei­ne Par­tei in Tei­len rechts­ex­trem ist: Die AfD ge­hört eher in die Rei­he Orbán, Trump, Pu­tin als Hit­ler, Go­eb­bels, Gö­ring. Das ist schlimm ge­nug, und man muss es im­mer wie­der sa­gen — die De­mo­kra­tie ist auch durch sol­che Ge­stal­ten ge­fähr­det. An Ausch­witz zu er­in­nern und dar­an, wie es mög­lich wur­de, ist der­zeit nö­ti­ger denn je. Trotz­dem steht nicht die zwei­te Macht­er­grei­fung vor der Tür. Un­se­re De­mo­kra­tie ist stär­ker als ih­re Fein­de. Und viel stär­ker als die von Wei­mar.