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Transplantation
Als ein Spenderorgan vom Himmel fiel

Mehr Lebensqualität für Ulrich Richter, aber auch für seine Frau Ute: Seit der Transplantation gehört das Sauerstoffgerät der Vergangenheit an.
Mehr Lebensqualität für Ulrich Richter, aber auch für seine Frau Ute: Seit der Transplantation gehört das Sauerstoffgerät der Vergangenheit an. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken/Homburg. Ulrich Richters Leben hing jahrelang an einem Sauerstoffgerät. Der Mann aus Dudweiler litt an einer unheilbaren Lungenkrankheit. Eine Transplantation rettete ihn.

Ein Gänsehaut-Moment ereilt die Zuhörerin, als der Mann die Geschichte seines Lebens erzählt. Die Geschichte seines Weiterlebens. Die Geschichte vom Tod, der scheinbar unaufhaltsam immer näher kam. Bis zu diesem Moment: Als Oberarzt Dr. Frank Langer plötzlich an seinem Bett steht und ihm die Nachricht überbringt, die das Gehirn nahezu überflutet. Dass das erwartete Flugzeug gelandet ist. Und dass damit die Erlösung naht. Erneut heftige Gänsehaut – am Wohnzimmertisch des Ehepaares Richter in Dudweiler. Ganz entspannt sitzt Ulrich Richter da, äußerlich sieht es jedenfalls so aus. In seinem Innern jedoch sind Ruhe und Gelassenheit noch längst nicht angekommen. Wie denn auch? Das Ereignis, das ihm ein all zu frühes Ableben ersparte, liegt noch nicht all zu lange zurück. Doch fangen wir von vorne an.

Ulrich Richter, heute 63 Jahre alt, bekommt vor zehn Jahren die Diagnose Lungenfibrose. Die Krankheit geht mit einer sehr eingeschränkten Sauerstoffaufnahme einher. Zur Fibrose gesellt sich COPD: Chronic Obstructive Pulmonary Disease. Eine Erkrankung, die mit Husten und Atembeschwerden verbunden ist. Und meist Raucher heimsucht. Ulrich Richter raucht mit 14, 15 Jahren seine erste Zigarette. Und bleibt an der Fluppe hängen.

Später nun Fibrose plus COPD: Es stellt sich sehr starker Husten ein, ­besonders beim Aufstehen ­morgens und abends beim ­Zubettgehen. Schwere Luftnot bei körperlicher Belastung kommt hinzu. 53 Jahre alt ist der ZF-Mitarbeiter, als er erfährt, dass er unheilbar krank ist. Ulrich Richter stellt das Rauchen ein, plötzlich geht es. Ohne Sauerstoff-Zufuhr geht aber nichts mehr. Zunächst nur über Stunden. Dann dauerhaft bis am Ende die sehr ungewöhnliche, fast unvorstellbare Menge von 30 Litern pro Tag erreicht ist. Diese Menge an flüssigem Sauerstoff kann nur noch im Krankenhaus verabreicht werden, an der Uniklinik in Homburg, in der Pneumologie. Zu Hause ist da nichts mehr zu machen.



Ute Richter schildert sehr plastisch, wie sich zuvor die Sauerstoff-Versorgung im Eigenheim gestaltete: zwei ausladende Behältnisse standen im Flur, zwei im Schlafzimmer. Dazwischen zogen sich die Schläuche durchs Haus. Mobile Geräte kamen dann zum Einsatz, wenn Richters mal kurz das Haus verließen. Nur mal rasch einkaufen – mehr war nicht drin, erzählt Ehefrau Ute. Ihren Mann begleitete derweil die stete Angst zu ersticken. Die Angst, dass die Sauerstoffzufuhr versagen oder das lebenserhaltende Gas unterwegs nicht ausreichen könnte.

Nach jahrelangem Martyrium wird Ulrich Richter schließlich auf die Transplantations-Warteliste gesetzt. Sein Zustand verschlechtert sich indes zusehends, die Lebensqualität geht gegen Null. Am Ende steht das Schlimmste zu befürchten. Und dann am 28. Februar, einem Mittwoch, kommt – gleich nach der Landung des Flugzeugs – der Operateur ins Krankenzimmer: Privatdozent Dr. Frank Langer von der Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie. Er sagt: „Wir haben ein Spenderorgan für Sie.“ Es sei gewissermaßen vom Himmel gefallen. Die Operation erfolge in Kürze. „Das vergesse ich nie“, sagt unser Gegenüber am Wohnzimmertisch, „Heulen und Lachen, Angst und Freude – die Gefühle haben sich überschlagen.“ Bei Ute Richter spielten sich innerlich ähnliche Szenen ab. Erst konnte sie nicht fassen, dass endlich ein Lungenflügel für ihren Mann in der Uniklinik eingetroffen war, dann konnte sie nur noch weinen, bis ganz allmählich die Zuversicht der so lange aufgestauten Anspannung wich. Ulrich Richter weiß nur, dass das für ihn bestimmte Organ aus Belgien kam. Alles andere unterliegt strengem Stillschweigen. Gut zwei Stunden dauerte die OP, erzählt Dr. Langer. Und alles geht gut. Auch dank der Routine des Operateurs. Der 49-Jährige ist Spezialist für Lungentransplantationen. Mit ihm und dem gesamten Team, das die schwersten Stunden sowie den Prozess der Heilung begleitete, ist das Ehepaar Richter hoch zufrieden. „Ich konnte immer anrufen. Und ich war permanent mit der Klinik in Verbindung“, lobt Ute Richter zudem die Zuwendung und Einfühlsamkeit, die sie erlebte. Lob gilt auch Professor Heinrike Wilkens von der Pneumologie, die ihren Mann betreute.

Am 12. April wurde der Patient aus dem Krankenhaus entlassen. Er, der nun eine stattliche Anzahl Tabletten schlucken muss, wird noch regelmäßig in der Uni-Klinik überwacht. Ein Sauerstoffgerät braucht er nicht mehr, und die Gesichtsfarbe ist stellenweise nicht mehr blau, sondern rosig. Ein erstes großes Highlight im neuen Leben gab es vor wenigen Tagen, als Ulrich Richter sein Stammlokal – etwa 50 Meter von seinem Haus entfernt – aufsuchte, um einen Sprudel zu trinken und mit den Leuten am Buffet ins Gespräch zu kommen. Herzlich empfangen wurde er dort, alle gratulierten zum Happyend. Derweil macht Ute Richter schon erste bescheidene Pläne: Mal wieder eine kleine Tagestour, dann auch mal das Wochenende woanders verbringen. Einfach nach langer Zeit etwas gemeinsam erleben.

Und was sagt Dr. Frank Langer, der Transplanteur, in Zeiten, in denen gerade in Deutschland dem Thema Organspende von vielen Bürgern mit so viel Misstrauen begegnet wird? „Mein größter beruflicher Wunsch wäre es“, sagt er, ,,wenn Menschen ihre Organe nicht in den Himmel mitnehmen, sondern dass diese doch lieber vom Himmel fallen.“

Ihnen hat Ulrich Richter sein Leben zu verdanken: Frank Langer und Heinrike Wilkens von der Uniklinik Homburg.
Ihnen hat Ulrich Richter sein Leben zu verdanken: Frank Langer und Heinrike Wilkens von der Uniklinik Homburg. FOTO: Thomas Seeber