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Verein zählt nach
Wie viele Burgen schmücken das Land?

Die imposante Albrechtsburg in Meißen gilt als eines der bekanntesten spätgotischen Architekturdenkmäler.
Die imposante Albrechtsburg in Meißen gilt als eines der bekanntesten spätgotischen Architekturdenkmäler. FOTO: Monika Skolimowska / dpa
Braubach. Ein Verein erfasst derzeit Deutschlands Burgen in einer wissenschaftlichen Datenbank — und schafft eine wahre Fundgrube für Forscher und Fans.

Niemand weiß ganz genau, wie viele Burgen in Deutschland stehen. Das Europäische Burgen-Institut (EBI) will das ändern. Die Einrichtung der Deutschen Burgenvereinigung (DBV) zählt in Braubach bei Koblenz mit der frei zugänglichen Internet-Datenbank EBIDAT mittelalterliche Wehrbauten. „Die bekannten Burgen in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und im Saarland sind schon vollständig erfasst“, sagt EBI-Leiter Reinhard Friedrich. „Auch in Niedersachsen sind wir fast fertig.“ Wegen der langwierigen Finanzierung und des begrenzten Personals werde es wohl noch zehn Jahre dauern, bis alle bekannten Burgen in Deutschland gezählt seien. Schätzungen gehen von 25 000 aus. Laut Friedrich könnten es aber auch mehr sein.

Mittelalterliche Burgen sind als Ausflugsziele, Hochzeitsstätten, Hotels und Restaurants beliebt. Erinnerungen an Märchen und Kindheit steigen auf. Als Kulturzeugnisse fallen Burgen in die Hoheit der Bundesländer. Diese führen eigene digitale Statistiken. Der Ehrenpräsident der Burgenvereinigung, Alexander Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Sayn, erklärt zur Datenbank: „Unser Vorteil war, dass wir uns gleich bundesweit ausgerichtet hatten und damit konzeptionell überlegen waren.“

Zwar gibt es längst deutschlandweite Burgenlisten im Internet. Laut Institutschef Friedrich werden sie auch oft mit viel Herzblut erstellt. Aber es fehle ihnen die flächendeckende wissenschaftliche Basis. Bei EBIDAT erfassen nach seinen Worten fachlich geschulte Bearbeiter zahlreiche Daten zu jeder Burg. Sie müssen diese Wehrbauten auch von meist später gebauten Schlössern und Festungen abgrenzen.



In der Philippsburg, dem Sitz des Burgen-Instituts in Braubach am Rhein, durchläuft alles eine kritische Schlussredaktion. Ihr Historiker Jens Friedhoff erklärt: „Wir überprüfen die Fachliteratur zu den Burgen. Wir wollen auch eine einheitliche Linie bei den Einträgen bekommen.“ Hilfreich ist in der Philippsburg dafür die laut Leiter Friedrich vermutlich weltweit größte Burgenfachbibliothek mit fast 40 000 Bänden. Ort, Datierung, Burgentyp, Funktion, Besitz- und Baugeschichte, Bausubstanz, Grundriss, Fotos, heutige Nutzung, Zugänglichkeit, Öffnungszeiten, wissenschaftliche Nachweise – all dies erfassen Experten wie zum Beispiel Doktoranden der Geschichte und Archäologie.

Zahlreiche Burgen in der Datenbank sind längst „abgegangen“, wie die Experten sagen – also verschwunden. In Literatur und Quellen finden sich aber noch Belege. Ein Beispiel ist laut Friedrich die Burg Worringen bei Köln, die 1288 eine Schlacht ausgelöst und noch im selben Jahr ihre Zerstörung erlebt hat. Heute ist nicht einmal ihr genauer Standort bekannt.

Der EBI-Chef schätzt, dass bundesweit 20 Prozent der Burgen noch „unter Dach“ sind und 40 Prozent als Ruinen überlebt haben. Die restlichen 40 Prozent seien nur als „Bodendenkmal“ in ihren Fundamenten erhalten – oder verschwunden. Der Historiker Friedhoff erläutert: „Oft war die Unterhaltung zu teuer. Viele Burgen sind aufgegeben oder auf Abbruch versteigert worden.“

Chef Friedrich erklärt den Stand der Arbeiten: „In Hessen fehlen uns nur noch sechs Landkreise. Auch Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Thüringen nehmen wir uns jetzt vor.“ Geld dafür stammt zum Beispiel von Stiftungen und dem EU-Kulturprogramm. „Pro Landkreis reichen etwa 2000 bis 5000 Euro“, erklärt der Archäologe.

Inzwischen finden sich auch Burgen acht anderer Staaten in der Datenbank. Das sind die Niederlande, Österreich, Ungarn, Tschechien, Dänemark, Lettland, Finnland und die Slowakei. Sayn-Wittgenstein-Sayn spricht von der „führenden Burgendatenbank in Europa“. Laut Friedrich präsentiert sie derzeit Beschreibungen von rund 5000 Burgen im Netz, verknüpft mit der Vogelperspektive der Software Google Earth. Im Laufe des Jahres soll auch ein Burgenlexikon in die Datenbank integriert werden, damit sich Fachbegriffe nachschlagen lassen.

Das EBI ist der wissenschaftliche Arm des Vereins Deutsche Burgenvereinigung. Dieser zählt fast 3000 Mitglieder. Der Architekt und Burgenforscher Bodo Ebhardt hat die Burgenvereinigung bereits 1899 aus der Taufe gehoben. Damit ist sie die älteste überregionale private Denkmalschutz-Initiative in Deutschland.

In der Nähe von Wierschem in Rheinland-Pfalz steht noch heute die Burg Eltz aus dem zwölften Jahrhundert.
In der Nähe von Wierschem in Rheinland-Pfalz steht noch heute die Burg Eltz aus dem zwölften Jahrhundert. FOTO: Frank Rumpenhorst / dpa