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Religion
Jerusalemer Weihnacht

Gedanken von Stephan Wahl zu Weihnachten in einer krisengetriebenen Stadt und dem Blick auf Menschen und ihrem Wunsch nach Frieden. Von Monsignore Stephan Wahl

Eine Straßenszene am Jerusalemer Damaskustor im frühen Winter. Ein palästinensischer Taxifahrer hält mit seinem Wagen an seinem gewohnten Standort, steigt aus, holt seinen Gebetsteppich aus dem Kofferraum und beginnt mitten im Trubel am Straßenrand sein Gebet, so wie er es gewohnt ist. Er ist Muslim. Dann fängt es an zu regnen. In der Nähe eilt ein orthodoxer Jude in seiner schwarzen Kleidung vorbei. Er kommt aus der Altstadt, wahrscheinlich war er zum Gebet an der Westmauer („Klagemauer“). Mit einem aufgespannten Regenschirm hastet er in Richtung Mea Shearim, eines der ultraorthodoxen Stadtviertel von Jerusalem. Dabei sieht er den knienden Mann auf seinem kleinen Teppich, stoppt, geht zu ihm hin und hält seinen Regenschirm solange über den Betenden, bis der sein Gebet beendet hat. Dann umarmen sich beide kurz und wortlos und jeder geht seiner Wege. Ein Glaubender und sein Respekt gegenüber einem anderen Glaubenden – auch wenn sie in verschiedenen Religionen zu Hause sind. Diese Szene hat sich in meiner unmittelbaren Nachbarschaft abgespielt.

Seit anderthalb Jahren lebe ich in Jerusalem. Ein Freund hat mir davon erzählt. Wenn er nicht ein wirklich naher und guter Freund wäre, hätte ich diese Geschichte wohl kaum geglaubt. Sie klingt erfunden, ist aber genauso passiert in dieser konfliktgeladenen Stadt Jerusalem, die von ganz anderen, traurigen Szenen zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Juden, Muslimen und Christen zu erzählen weiß. Sie ist ein Lichtblick, ein Hoffnungszeichen, sie erzählt vom Respekt der Religionen untereinander, der möglich ist – wenn man nur will. Es gibt sicher ähnliche Szenen, von denen niemand etwas mitbekommt, aber es sind Ausnahmen in einem Land, das nicht zur Ruhe kommt und in dem der endgültige und dauerhafte Friede immer noch Zukunftsmusik ist.

Immer wenn ich früher Israel besuchte, gehörten am ersten Tag zwei Wege zum absoluten Pflichtprogramm. Als Christ führte mich meistens mein erster Weg in die Grabeskirche, an den Ort, an dem sich die verschiedensten Konfessionen an den Tod und die Auferstehung Jesu Christi erinnern – das liegt auf der Hand für einen Christen und Pilger. Das zweite Ziel auf den ersten Blick weniger: der Herzl Berg, genauer das Grab von Yitzhak Rabin, dem ermordeten israelischen Ministerpräsidenten. Es gibt Daten und Ereignisse, da weiß man noch nach Jahren, wo man an diesem Tag war, was man gemacht hatte. Der 4. November 1995 ist für mich ein solcher. Ich war zu Hause in meiner damaligen Saarbrücker Wohnung, als mich die Nachricht via Radio erstarren ließ: „Der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin ist tot“. Ermordet unmittelbar nach einer großen Friedenskundgebung in Tel Aviv, auf der er leidenschaftlich gesprochen hatte. Dieses Datum ist für mich ein Meilenstein im Friedensprozess zwischen Palästinensern und Israelis. Ein trauriger Meilenstein, ein schrecklicher. Die Kugeln eines jungen israelischen Fanatikers trafen nicht nur den um Aussöhnung und Frieden bemühten Premierminister, sie rissen eine tiefe Wunde in den gesamten Friedensprozess. Von dieser klaffenden Wunde hat sich das Land nie wieder erholt. Damals war der Friede mit Händen greifbar, die Stimmung zwischen den verfeindeten Lagern dank der glaubwürdigen Autorität Rabins optimistisch und endlich hoffnungsvoll ... Das war einmal. Von dieser Stimmung ist auf beiden Seiten heute wenig übrig geblieben. Resignation auf allen Ebenen. Keiner weiß mehr wie es weitergehen soll. Wer glaubt noch ernsthaft an die Zwei-Staaten-Lösung? Die Sehnsucht nach einem endgültigen und dauerhaften Frieden ist einem pragmatischen way of life gewichen. Was bei uns in Europa immer noch jede Diskussion über Israelis und Palästinensern bestimmt, die Fragen welche Möglichkeiten es gibt, Brücken zwischen beiden Lagern zu bauen, das Thema Friedensprozess überhaupt, brennt überall auf den Nägeln, nur nicht hier. Seit einem Jahr ist das Land im Wahlkampf. Immer noch. Im kommenden März werden die Israelis zum dritten Mal innerhalb von elf Monaten an die Urnen gerufen. Die Parteien diskutieren alle möglichen Probleme des Landes.



Das Thema Friedensprozess spielte bis dato keine Rolle. Kein Thema. Jedenfalls kein drängendes. Von der Aufbruchstimmung der Mittneunziger Jahre spüre ich im Jerusalemer Alltag wenig. Die Verse aus Jesaja, die uns im Advent in unseren christlichen Gottesdiensten begleiten und uns auf Weihnachten vorbereiten, wirken vor diesem Hintergrund wie ein Märchen, das zu schön ist, um wahr zu sein: „... wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr ...“ So zitiert der Prophet Jesaja den Herrn mit seiner Verheißung für Jerusalem. Als diese Worte vor vielen Jahrhunderten niedergeschrieben wurden, war die Situation in der Stadt natürlich eine völlig andere, aber die Stimmung in Jerusalem war auch damals nicht friedlich und ausgeglichen.

Die Heimkehrer fanden Menschen vor, die ihnen fremd waren und die jetzt die Stadt bewohnten – mit ihren diversen Gottheiten. Nach der Freude über das Ende des Exils folgte die Ernüchterung über die Situation im real existierenden Jerusalem. Neue Strukturen aufzubauen ging langsamer und schwieriger als geplant. Unsicherheit, Zweifel, resignative Stimmungen mehrten sich. Und in genau diese wackelige Stimmung verkündet der Prophet: „Freut euch mit Jerusalem und jauchzt in ihr alle, die ihr sie liebt! Jubelt mit ihr ... Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost.“ Egal wie schwierig die Situation war, nie haben es die Propheten aufgegeben an die väterliche und an die, wie Jesaja deutlich betont, ­mütterliche Gegenwart Gottes zu erinnern. Ein Gedanke, der tröstet, stärkt und gleichzeitig herausfordert. Manchmal sind es die kleinen Alltagsgeschichten wie die vom Damaskustor, oft unbemerkt, ohne große Öffentlichkeit, in denen deutlich wird, dass Gott sich auch heute nicht abgewandt hat und dass fairer und dauerhafter Friede in Jerusalem möglich werden kann, wenn sich im Großen endlich realisieren würde, was im Kleinen bisweilen gut gelingt: respektvoller Umgang miteinander.

Immer wieder werde ich gefragt,wie ich es denn aushalten könne in diesem Land zu leben, ob es nicht zu gefährlich sei. Ist es nicht. Ich wache jeden Tag gerne in Jerusalem auf und bewege mich völlig normal in der Stadt. Wenn meiner Mutter, die zehn Jahre in dieser Stadt verbracht hat, diese Frage gestellt wurde, antwortete sie meist mit dem Hinweis, dass sie in diesen Jahren ein einziges Mal in realer Lebensgefahr war. Und zwar bei einem Heimatbesuch, in Bad Kreuznach, bei einem Raubüberfall in meinem damaligen Pfarrhaus. Kriminalität und Terror gibt es leider in vielen Ländern. Auf manche schaut man halt besonders, richten die Medien eher ihren Blick als auf andere Gegenden, in denen keine Kamera Ungerechtigkeit und Grausamkeit festhält. Das Gefühl, sich frei zu bewegen in dieser Stadt soll aber keineswegs verdrängen, dass immer wieder schmerzhaft deutlich wird, dass wirklicher Friede in diesem Land noch weit entfernt ist und immer wieder Wunden geschlagen werden. Ob es die Raketen sind, die von Gaza aus Israelis in die Schutzräume fliehen lassen und Vergeltungsschläge nach sich ziehen oder die Messerattacken junger Palästinenser gegen israelische Soldaten und deren meist tödliche Antwort darauf. Das bewegt mich sehr, ist manchmal schwer auszuhalten und verhindert, für eine der beiden Völker Partei zu ergreifen. Ich bin Gast, Fremder, es nicht mein Land.

Aber ich bin dankbar, in dieser Stadt leben zu dürfen. Zusammen mit Israelis und Palästinensern und Menschen vieler anderer Nationen, die diese Stadt bewohnen. Dabei ist es eine neue Erfahrung, zu einer absoluten Minderheit zu gehören. Auch wenn der Blick auf das „Heilige Land“ anderes vermuten lässt, machen wir Christen gerade einmal zwei Prozent  der Gesamtbevölkerung aus. Das spürt man alltäglich. An den Öffnungszeiten der Geschäfte kann man ablesen, welcher Religion der Besitzer angehört. Freitag haben die muslimischen Shops geschlossen, am Samstag ist der jüdische Schabbat und am Sonntag besuchen die Christen ihre Kirchen. Und zwar verschiedene. Ungefähr 40 Konfessionen gibt es in der Stadt, davon 13 mit langer Tradition und eigener Kathedrale. Das bedeutet auch, dass der Advent hier völlig anders erlebt wird als in Deutschland. Nicht so kommerzialisiert, nicht so plakativ. Keine wochenlangen Weihnachtsmärkte, keine musikalische Dauerberieselung in den Geschäften, nur vereinzelt Weihnachtsschmuck in christlichen Vierteln. Mit einer Ausnahme: in der Altstadt hat ein ehemaliger palästinensischer Basketballstar das 700 Jahre alte Haus seiner Familie zu „Santas House“ umfunktioniert.

Auch wenn zugegebenermaßen manchmal der Lebkuchen und andere weihnachtsromantische Accessoires fehlen, so ist mir doch die etwas abgespeckte Adventszeit sehr recht, denn sie erinnert so noch mehr an ihren eigentlichen Ursprung. Ähnlich wie die Fastenzeit Ostern vorbereitet, so sollte die Adventszeit auf Weihnachten hinführen, auf das Fest der Menschwerdung Gottes. Früher gehörte sogar Fasten dazu.

Denn die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist nicht abstrakt, sie ist ganz konkret – nur jenseits unserer Bilder und Muster. So schön unsere Krippenlandschaften sind, so idyllisch man sich die Weihnachtszeit samt Hirten vorstellt – wer einmal in der Heiligen Nacht zu Fuß nach Bethlehem gegangen ist und sich auf anmutige Landschaften, Schafherden und ähnliches gefreut hat, wird von der Wirklichkeit sehr enttäuscht sein. Der Weg zur Geburtskirche führt entlang einer banalen Autostraße, an Häuserzeilen vorbei ins Zentrum von Bethlehem. Wenn man Glück hat, ist der Himmel klar und ein wunderbarer Sternenhimmel tröstet einen über die entgangene Romantik hinweg. Mir hilft dieses etwas nüchterne Erleben jedoch die Botschaft der Weihnacht besser zu verstehen, denn Gott ist in diese konkrete Welt gekommen und die besteht nun mal nicht nur aus Rauschgoldengeln und Krippenromantik. „In diese Welt, in diese verrückte Herberge kommt Christus ohne Einladung.“ Das stand vor Jahren auf einer Weihnachtskarte. Auch in der kommenden Christnacht werden sich wieder viele Pilger auf den Weg von Jerusalem nach Bethlehem machen. Die Mönche von der deutschen Benediktinerabtei Dormitio auf dem Berg Sion tragen dann wieder etwas ganz Besonderes mit sich. Unter dem Motto „I carry your name to Bethlehem in the Holy Land, – ich trage Deinen Namen in der Heiligen Nacht nach Bethlehem“ haben sie eine Schriftrolle bei sich, auf denen sie die Namen von Menschen geschrieben haben, die darum gebeten haben, auf diese Weise in der Christnacht in Bethlehem dabei zu sein. Oder von anderen benannt worden sind. Im letzten Jahr waren es über 70 000 Namen aus aller Welt. Wie viele Geschichten sind mit diesen Namen verbunden, wie viele Bitten, wie viel Dank. Begleitet wird diese schöne Idee von einer Spendenaktion für soziale Projekte der Abtei. Da wird für mich Weihnachten sehr konkret und ist seinem eigentlichen Sinn nahe. Gott wurde Mensch mittendrin, mit allem was dazugehört. Der im wahrsten Sinne „heruntergekommene Gott“, wie es der Schriftsteller Wilhelm Bruners einmal ausdrückte. Gott ist mittendrin unter Unauffälligen und Schrillen, Musterfamilien und Beziehungschaoten, Heiligen und Gaunern.Und manchmal auch in den Momenten, wo Menschen über sich hinauswachsen mit Toleranz und Größe. Wie der Jude und der Muslim am Jerusalemer Damaskustor.

  Issa Kassissieh verkleidet als Weihnachtsmann sitzt in seinem Haus auf einem goldenen Thron. 
 Issa Kassissieh verkleidet als Weihnachtsmann sitzt in seinem Haus auf einem goldenen Thron.  FOTO: dpa / Ilia Yefimovich
 Ein Schmelztigel der Weltreligionen: Jerusalem.
Ein Schmelztigel der Weltreligionen: Jerusalem. FOTO: picture alliance / dpa / Jim Hollander