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Marder, Fuchs und Co. entdecken das urbane Leben
Wenn’s in der Stadt zu wild wird . . .

Jäger Uwe Ingwersen kniet neben dem von ihm erlegten Wildschwein vor einer Sparkassen-Filiale in Heide in Schleswig-Holstein, das Passanten angegriffen haben soll. Rechts Stadtjäger Horst Allwardt.
Jäger Uwe Ingwersen kniet neben dem von ihm erlegten Wildschwein vor einer Sparkassen-Filiale in Heide in Schleswig-Holstein, das Passanten angegriffen haben soll. Rechts Stadtjäger Horst Allwardt. FOTO: Helge Holmson / dpa
Berlin. Wildschwein, Marder und Co. sorgen oft für Ärger und Angst, wenn sie in Städten auftauchen. Die deutsche Hauptstadt ist besonders betroffen.

Schock in der Sparkasse: Ein wütender Keiler kommt krachend durch die Tür und dreht Runden im Kassenraum. Der Filialleiter wird am Bein verletzt. Verängstigte Kunden werden über Drehleitern in Sicherheit gebracht. Das dramatische Geschehen in der holsteinischen Kreisstadt Heide macht weithin Schlagzeilen. Nur wenige Wochen später toben am ersten Arbeitstag des Jahres 2018 zwei Keiler durch einen Supermarkt bei Karlsruhe – ehe sie mit ihrer Rotte im Wald verschwinden. „Was war das denn?“, fragen sich dort verblüffte Kunden, die mit dem Schrecken davongekommen sind.

Immer wieder sorgen Auftritte anscheinend furchtloser Wildtiere in Domänen der Menschen für Aufregung. Füchse auf Spielplätzen in Berlin beäugen Kinder statt davonzulaufen. Waschbären an Müllsäcken in Kassel sind selbst mit dem Besenstiel kaum zu vertreiben. Rehe in Stuttgarter Vororten beißen seelenruhig Rosenknospen ab.

Doch was tun, wenn immer mehr wilde Tiere die Städte bevölkern? Derk Ehlert, Wildtier­experte in der Senatsverwaltung von Berlin, sagt, Die Ängste der Bürger müssten immer ernst genommen werden. „Selbst wenn Anrufer nachts auf dem Ku‘damm partout einen Wolf gesehen haben, der in Wirklichkeit ein Collie ist.“ Geduldige Aufklärung sei wichtig, damit ein Nebeneinander von Stadtmenschen und Wildtieren gelingt.



sind die Probleme in Städten wie Berlin und Kassel. Letztgenannte gilt als die unangefochtene Hauptstadt der Waschbären. Nach Angaben der Umweltorganisation WWF leben dort rund 100 Tiere auf 100 Hektar – mehr als anderswo in Deutschland.

Bundesweit werden jährlich Zehntausende von Waschbären erlegt. Doch das kann – ähnlich wie der Abschuss von rund 580 000 Wildschweinen pro Jahr – die steigende Populationen in Stadtgebieten kaum bremsen, sagt Mark Harthun, Experte beim Nabu Deutschland. „Sie reproduzieren sich zu schnell.“ Schädlich seien sie dort, wo sie Frösche und andere Amphibien sowie manche Vogelarten auszurotten drohen. Schuld sei letztlich der Mensch: „Waschbären wurden 1934 unweit von Kassel am Edersee ausgesetzt, weil man das Angebot an Tieren für die Jagd erweitern wollte.“

Eher gering sind laut Polizeiangaben die Probleme mit Wildtieren in München. Allerdings klagen dort Anwohner des Stadtparks im Viertel Pasing über die streng geschützten Biber, die immer wieder ihre Gärten unsicher machten.

Aber nicht alle Menschen fühlen sich indes von den zudringlichen Wildtieren belästigt. Vielen Berlinern seien sie trotz aller Probleme willkommen, berichtet Experte Ehlert. So mancher sei stolz, dass sich – ähnlich wie in London – Füchse in der Öffentlichkeit sehen ließen, sogar im Garten vor dem Kanzleramt. Funktionieren könne eine Koexistenz auf Dauer aber nur, wenn es bei „respektvoller Distanz“ bleibe.