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Nach Brückenkatastrophe
Trauer und Wut in Genua

Eine schwere Last: Bei der zentralen Trauerfeier am Samstag für die Opfer des Brückeneinsturzes von Genua nahmen rund 10 000 Menschen Abschied. Einige Angehörige blieben der Zeremonie jedoch aus Protest gegen die italienische Regierung fern.
Eine schwere Last: Bei der zentralen Trauerfeier am Samstag für die Opfer des Brückeneinsturzes von Genua nahmen rund 10 000 Menschen Abschied. Einige Angehörige blieben der Zeremonie jedoch aus Protest gegen die italienische Regierung fern. FOTO: dpa / Simone Arveda
Genua. Mit einer ergreifenden Trauerfeier verabschiedet sich Italien von den mehr als 40 Opfern des Brückeneinsturzes. Das Unglück wird das Land so schnell nicht mehr loslassen. Von Fabian Nitschmann

Immer wieder unterbricht Klatschen die andächtige Ruhe kurz vor der zentralen Trauerfeier nahe des Hafens von Genua. Es ist der Applaus für die Retter, die in den vergangenen Tagen unermüdlich in den Trümmern des Polcevera-Viadukts nach Überlebenden gesucht haben. Immer wieder auch Applaus, als die Tausenden Besucher auf Leinwänden die Särge der Opfer sehen. Mit Blumen verziert sind sie vorne aufgereiht. Immer wieder treten Angehörige heran, küssen und berühren sie.

43 Menschen kamen nach aktuellen Angaben bei dem Unglück am Dienstag ums Leben. Die letzten Leichen wurden in der Nacht zum Sonntag geborgen. Vermisst wird offiziell niemand mehr. Zahlreiche Menschen wurden teils schwer verletzt, neun Verletzte befinden sich noch im Krankenhaus. Rund 600 Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen. Fast jeder in dieser Stadt mit ihren gut 500 000 Einwohnern ist irgendwie betroffen. Zur zentralen Trauerfeier am Samstag kommen rund 10 000 Menschen. „Auf Genua schaut derzeit die ganze Welt“, sagt Genuas Erzbischof, Kardinal Angelo Bagnasco. In einer bewegenden Ansprache macht Bagnasco klar, dass der Tag der Staatstrauer auch ein Tag des Mutes für die Zukunft sein soll. Genua habe mit dem Viadukt eine „essenzielle Arterie“ verloren, aber die Stadt werde nicht aufgeben.

Auch wenn die Zeremonie allen Opfern gilt, stehen dort nur 18 Särge. Einige Angehörige nehmen aus Protest nicht teil. Sie halten das Schaulaufen der Politiker für eine Schande. Andere halten Trauerfeiern in ihren eigenen Gemeinden ab, wie etwa im piemontischen Alessandria oder im süditalienischen Torre del Greco. Alle beschäftigt weiterhin die Frage, wie es zu dem verheerenden Unglück kommen konnte. Die Regierung hat ihre Schuldzuweisungen gegen den Betreiber der Autobahn Tag für Tag verschärft, doch aus der Sicht einiger Opfer-Familien trifft auch die Politik eine große Schuld.



Die Katastrophe von Genua ist so innerhalb weniger Tage zu einem großen Politikum geworden. Matteo Salvini, Italiens Innenminister und Chef der rechten Lega-Partei, erhält kräftigen Applaus und wird sehr herzlich empfangen, als er zur Trauerfeier eintrifft. Er hatte in den vergangenen Tagen seine Kritik am Betreiber der Autobahn und auch an der EU scharf formuliert. Premierminister Giuseppe Conte hatte am Freitag einen Prozess eingeleitet, um der privaten Betreibergesellschaft Autostrade per l‘Italia ihre Lizenz zu entziehen. Das Unternehmen bestreitet aber Nachlässigkeit. Später, bei einer Pressekonferenz nach der Trauerfeier, sagt Hauptgeschäftsführer Giovanni Castellucci, seine Firma könne keine Verantwortung für ein Ereignis übernehmen, dessen Ursache noch ermittelt werden müsse. Dennoch verspricht er Hilfe. Auch die Regierung kündigt weitere 28,5 Millionen Euro Soforthilfe zu den bisher versprochenen fünf Millionen Euro an. Der 14. August 2018 wird Italien noch lange beschäftigen.