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Volksabstimmung
Machen Hörner Kühe glücklicher?

Um die Bedeutung der Hörner für das seelische Gleichgewicht der Kühe wird in der Schweiz seit Jahren gestritten. Nun hat ein Bauer eine Volksabstimmung dazu erzwungen.
Um die Bedeutung der Hörner für das seelische Gleichgewicht der Kühe wird in der Schweiz seit Jahren gestritten. Nun hat ein Bauer eine Volksabstimmung dazu erzwungen. FOTO: dpa / Gian Ehrenzeller
Cheseaux-Noreaz/Bern. Die Schweizer stimmen am Sonntag über das Enthornen von Rindern ab – im Land von Heidi und stolzer Produkte aus Milch und Käse ein emotionales Ereignis. ap/dpa

Wenn Kinder eine Kuh malen, hat die immer Hörner. Aber sie kennen die Tiere auch oft eher aus „Heidi“ und anderen Kinderbuchklassikern – und da ist die Welt bekanntlich noch in Ordnung. Die Realität heute ist in der Schweiz und in der Viehzucht eine andere: Kälber und Rinder werden enthornt, das spart Platz im Stall, weil die Tiere sich nicht mehr mit den spitzen Hörnern gegenseitig verletzen, wenn sie enger stehen.

An diesem Sonntag stimmen die Schweizer darüber ab, ob Bauern vom Staat Subventionen dafür erhalten sollen, wenn sie ihren Rindern – und auch den Ziegen – die Hörner lassen. Dafür gekämpft hat Armin Capaul. Er findet: Glückliche Kühe brauchen Hörner. Der 67-Jährige brachte die 100 000 Unterschriften zusammen, die in der Schweiz benötigt werden, um eine Volksabstimmung auf die Tagesordnung zu setzen.

Capaul könnte mit seinem Rauschebart, kariertem Hemd und Strickmütze geradewegs einem Heidi-Film entstiegen sein. Er ist Schweizer Bergbauer mit Hof im Kanton Bern. „Ich habe schon manches Kalb gehört, das vor Schmerz geschrien hat“, sagt er. Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann widerspricht: „Ich habe Enthornungen als Junge mit eigenen Augen gesehen und nie den Eindruck gehabt, dass sie leiden.“



Um die Bedeutung der Hörner für das seelische Gleichgewicht der Kühe wird seit Jahren gestritten. „Das Horn gibt den Tieren Gelassenheit, innere Ruhe und Sicherheit“, sagt Christian Müller vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau. Bäuerinnen- und Landfrauenverband fürchten dagegen um die Sicherheit der Bauernfamilien. Ausgewachsene Kühe mit spitzen Hörnern könnten eine tödliche Gefahr sein.

Der Ausgang am Sonntag ist offen: Gegen Armin Capauls Initiative gibt es auch Einwände, vor allem von den großen Viehzüchtern. „Ich habe gedacht, es werden 80 Prozent Ja-Stimmen, aber es sieht ein bisschen so aus, als ob ich auf dem falschen Planeten bin“, sagt Capaul lachend. Ein Verbot fordert er deshalb nicht, weil er dafür keine Chance an der Abstimmungsurne sah.

Über seine Beweggründe sagt Capaul: „Es geht darum, die Würde des Tieres zu respektieren, das uns ernährt. Man sollte die unterstützen, die die Hörner dran lassen, damit sie nicht völlig aussterben.“ Hörner seien für die Tiere wichtig für die Kommunikation untereinander und den Wärmeaustausch. Viele wüssten das gar nicht.

Die Gegner halten dagegen, Capauls Initiative würde viel zu teuer kommen. Mittel, die anderswo Landwirte unterstützen, würden versiegen. Allerdings wird in dem Referendum nicht auch über einen Betrag abgestimmt, der Bauern gezahlt werden sollte, die Rindern und Ziegen die Hörner lassen. Da hätte das Parlament freie Hand.

In der Schweiz tragen nur noch zehn Prozent der rund 1,5 Millionen Rinder Hörner. Bei manchen Rassen sind sie ganz weggezüchtet. In Deutschland leben gut zwölf Millionen Rinder. Wie viele davon Hörner tragen, wisse man nicht, sagt Björn Börgermann vom Milch­industrie-Verband. „Rinder sind von Hause aus keine Kuscheltiere, sondern große Nutztiere mit viel Kraft“, sagt er. „Es besteht daher für den Tierhalter unabhängig von der Haltungsform durchaus ein erhöhtes Gefährdungspotential in der Arbeit mit behornten Tieren.“

Und selbst manche Viehzüchter, die Rinder mit Hörnern halten, sind gegen die Initiative, wie Gilbert Christen aus Chesaux-Noreaz am Neuenburgersee sagt. Das Referendum sei Unsinn, sagt er, und erklärt: „Das sind Dinge, die in der Landwirtschaft geregelt werden sollten und nicht in einer öffentlichen Abstimmung.“