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Reker-Attentäter sieht sich als Rebell

Der Angeklagte Frank S. versteckt vor Gericht sein Gesicht hinter einem Ordner. Foto: Oliver Berg/dpa
Der Angeklagte Frank S. versteckt vor Gericht sein Gesicht hinter einem Ordner. Foto: Oliver Berg/dpa FOTO: Oliver Berg/dpa
Düsseldorf. Die Messer-Attacke auf die damalige Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Reker sorgte bundesweit für Entsetzen. Nun muss sich der mutmaßliche Täter vor Gericht verantworten. Zum Prozessauftakt am Freitag erklärte er, er sei kein Neonazi, sondern ein „rechter Freidenker“. dpa/epd

"Ich bin toleranter als mancher andere", sagt Frank S. (44). Kein Nazi, sondern ein "wertkonservativer Rebell" sei er. Zehn Zentimeter tief soll Frank S. sein Bowiemesser im Oktober 2015 in den Hals von Henriette Reker gestoßen haben. Die 30 Zentimeter lange Klinge traf die Wirbelsäule und verletzte die Luftröhre. Nur durch eine Notoperation konnte das Leben der damaligen Kölner Oberbürgermeisterkandidatin gerettet werden.

Das Motiv für das womöglich fremdenfeindliche Attentat wird im Düsseldorfer Prozess gegen S. noch eine wichtige Rolle spielen. Laut Anklage wollte er mit dem Attentat ein Zeichen gegen die ihm verhasste Flüchtlingspolitik setzen, für die Reker als Kölns damalige Sozialdezernentin stand. Zum Auftakt am Freitag ging es zunächst um den Lebenslauf des Manns, der sich selbst als einen "rechten Freidenker" bezeichnet. Der Angeklagte sieht sich als Opfer: damals in seiner Pflegefamilie, als Gejagter der Bonner Antifa, bedroht von "schwerkriminellen Ausländern", als Nazi zusammengeschlagen von Mitgefangenen. Ein überzeugter Neonazi will er aber nicht gewesen sein. "Ich war nie Nazi", sagt der zuletzt in Köln lebende Mann, der in einer Pflegefamilie aufwuchs und später wegen Verurteilungen nach Schlägereien von 1997 bis 2000 im Gefängnis saß. Die Schuld für diese Schlägereien weist S. den anderen Beteiligten zu - angeblichen kriminellen Ausländerbanden und vermummten Antifa-Aktivisten, die ihn und seine Gesinnungsgenossen damals in Bonn angegriffen hätten. "Ich bin zusammengeschlagen worden, habe mich gewehrt und habe dann die Anklage gekriegt", sagt S.

Seine Tätowierung spricht allerdings eine weniger friedliche Sprache: "Berserker Bonn" ist in großen Lettern zu lesen. Das stamme aus seiner Zeit in der rechten Szene in den 1990er Jahren, als er einer Art "Bürgerwehr" angehört habe, räumt er ein - als er an Neonazi-Aufmärschen für Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß teilnahm.

Der Angeklagte erzählt im freundlichen Plauderton. Er sei ein Arbeitstier, ein lebensfroher Mensch, habe sogar eine Hippie-Freundin gehabt. Um der Gewaltspirale zu entfliehen, sei er nach Köln gezogen. Als "Rechts" möchte er sich heute aber nicht mehr einstufen.

Dass er es war, der Henriette Reker einen Tag vor ihrer Wahl zur Kölner Oberbürgermeisterin ein Jagdmesser in den Hals gerammt hat, bestreitet er nicht, kündigt sogar an, am Ende des Prozesses die Gründe zu nennen, die ihn dazu bewogen haben. Das könnte man bereits als Geständnis werten.

Sein Verteidiger kritisiert den Vorwurf des versuchten Mordes im Prozess: "Würde es sich hier nicht um eine Politikerin in gehobener Position handeln, hätte ich keine Zweifel daran, dass mein Mandant nur wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt würde und nicht wegen versuchten Mordes." Die Flüchtlingspolitik in Deutschland sei für viele Bürger "irritierend" gewesen. Die Kluft zwischen dem politischen Handeln der Regierung und der Einstellung der normalen Bürger zum Thema Flüchtlinge sei damals groß gewesen.

"Der Angeklagte hatte sich entschlossen, die Geschädigte zu töten", sagt der Vertreter der Bundesanwaltschaft . Frank S. habe Reker "völlig überraschend" angegriffen und danach wahllos auf umstehende Menschen eingestochen, vier von ihnen wurden verletzt. Reker wird in zwei Wochen als Zeugin vor Gericht aussagen und Frank S. gegenübertreten.

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HintergrundAttentate auf deutsche Politiker: Oskar Lafontaine (damals SPD ): Eine geistig verwirrte Frau greift den damaligen saarländischen Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten im April 1990 mit einem Messer an. Sie verletzt ihn lebensgefährlich. Wolfgang Schäuble (CDU ): Ein geistig verwirrter Mann schießt im Oktober 1990 auf den Bundesinnenminister. Schäuble bleibt querschnittsgelähmt.Angelika Beer (Grüne): Ein Unbekannter greift die Parlamentarierin in Berlin im Juni 2000 mit einem Messer an und verletzt sie am Arm. dpa