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Rebellin mit Stil

London. Provokationen sind ihr Leben: als Mode-Rebellin und Erfinderin der Punk-Uniform, mit ihren Protesten gegen Umweltpolitik und Konsum – und selbst bei der Ordensverleihung durch die Queen. Katrin Pribyl

Der leise Auftritt ist ihre Sache nicht. Schrill, bunt, extrovertiert - radikal; so provozierte sich die britische Designerin Vivienne Westwood stets durch ihr Leben und die Welt. Am Freitag, 8. April, feiert sie ihren 75. Geburtstag. Während andere Menschen in diesem Alter längst ihren Ruhestand genießen, wirbelt Westwood noch so wild herum wie einst in den 70er Jahren, als sie mit blau gefärbten Haaren die Sex Pistols einkleidete.

Ihren Elan hat sich die Kreative bewahrt. Erst 2015 fuhr sie in einem Panzer vor dem Haus von Premier David Cameron vor, um gegen die britische Fracking-Politik zu protestieren, die sie als Angriff auf die eigene Bevölkerung betrachtet. Wenig später nutzte sie eine Modenschau, um ihre politische Botschaft für den Klimaschutz und gegen die Sparpolitik der Regierung auf den Laufsteg zu bringen.

Ihre Demonstrationen sind stets öffentlichkeitswirksam und längst ist Westwood nicht mehr nur gefeierte Ikone, sondern auch mitteilungsfreudige Aktivistin - am liebsten für ihr Herzensthema, den Klimaschutz. Das Establishment mag sie nicht besonders, Politikern misstraut die Britin, auf Gepflogenheiten pfeift sie. So erschien sie beispielsweise im bodenlangen Abendkleid, aber ohne Unterwäsche vor Königin Elizabeth II., als diese sie zur "Dame-Commander of the Order of the British Empire" schlug. "Ich weiß nicht, was die Aufregung soll", gab sich die Mode-Queen überrascht. "Ich trage nie Unterwäsche ."

Westwood hat sich nie verbiegen lassen und trotzdem ständig neu erfunden. 1941 in der Grafschaft Derbyshire als Vivienne Isabel Swire geboren, arbeitete die Tochter eines Baumwollspinners und Kolonialwarenhändlers zunächst als Grundschullehrerin in London und heiratete den Tänzer Derek Westwood. Doch das Schicksal hatte anderes mit ihr vor. Als sie Malcolm McLaren , Gründer und Manager der Punk-Band Sex Pistols kennenlernte, brach sie aus ihrem gutbürgerlichen Leben aus und tauchte in die Punkszene ein.

Mit ihm eröffnete sie 1970 auf der Londoner Kings Road ihre erste Boutique "Let it rock", die bald die Trends setzte und ständig neue Namen erhielt, je nach Stimmung. Westwood entdeckte ihr Händchen zum Stilbruch und ihre Kreationen, für die sie gerne Mode zerschnitten, zerstückelt und wieder zu T-Shirts zusammengenäht hat, kamen bei den Kunden an. Auffallen um jeden Preis, dieses Motto zieht sich von den Anfängen bis zum heutigen Tag. Sie inspirierte die Punk-Mode, bevor diese zum Mainstream wurde.

Westwood lebte ihre rebellische Seite fortan aus und sagt bis heute stets, was sie denkt. So befand sie einmal, dass die Menschen früher viel besser angezogen gewesen seien. Kein Wunder also, dass ihre berühmten Roben inspiriert sind von der Mode des 18. und 19. Jahrhunderts. Immer wieder lässt sie die Vergangenheit auf die Gegenwart prallen, bringt opulente Reifröcke aus dem Viktorianischen Zeitalter in exzentrischen und schrillen Varianten auf den Laufsteg oder bedient sich des französischen Rokoko-Stils. Manchen Schuhen verpasst sie Absätze bis zum Himmel, sodass selbst Model-Profi Naomi Campbell bei einer Schau einmal wegen den 25-Zentimeter hohen Plateaus zu Fall ging. Alltagstauglich? Nur bedingt. Aber warum sollte das die Westwood interessieren?

Mit eindrucksvoller Kleidung hast du ein deutlich besseres Leben", findet die Frau, zu deren Markenzeichen ihre flammend rote Mähne gehörte. Heute trägt die meinungsstarke Frau ihre Haare kurz und gerne dick auf. Vivienne Westwood , die seit 1992 mit dem 25 Jahre jüngeren Tiroler Andreas Kronthaler verheiratet ist und zwei Söhne aus erster und zweiter Ehe hat, kann es sich leisten. Sie gehört zu den Großen in der oft flüchtigen und oberflächlichen Modebranche . Und genau diesen Einfluss will sie nun zur Rettung der Welt nutzen.

"Kaufe weniger ein, suche gewählter aus, sorge dafür, dass es länger hält.", heißt eine ihrer Botschaften, die sie jedem, der sie hören will oder auch nicht, entgegenschleudert. Luxus bedeute "eine intakte Umwelt". Und Westwood liebt Bücher, vor allem Aldous Huxley . Überhaupt findet sie, die Menschen sollten sich mehr anstrengen, weniger dumm zu sein. Das, so sagte die Modeschöpferin in einem Interview, würde sie am besten kleiden.