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Kein Ersatz für Beziehungen
Das Sexpuppen-Bordell von Helsinki

 Zwei weibliche Sexpuppen in einem Zimmer des Sexpuppenbordells Unique Dolls. Foto: Steffen Trumpf
Zwei weibliche Sexpuppen in einem Zimmer des Sexpuppenbordells Unique Dolls. Foto: Steffen Trumpf
Helsinki. Laute Rockmusik dröhnt aus einer Musikbox, als der Herr des Hauses die hinter einem finnischen Supermarkt und einer Karaokebar versteckte Tür öffnet. Bilder knapp bekleideter Frauen säumen den Gang, von dem vier Räume abgehen. Von Steffen Trumpf, dpa

Hinter einem wartet die blonde Crystal, nebenan die brünette Jennifer. Nicky und Kristina teilen sich ein Zimmer. Hinter der vierten Tür liegt der stattliche Romeo sowohl für weibliche als auch für männliche Gäste bereit.

Wer im Unique Dolls in einem verschlafenen Vorort im Norden von Helsinki echten Sex mit echten Prostituierten erwartet, wird enttäuscht. Crystal, Jennifer, Nicky, Kristina und Romeo mögen menschenähnlich aussehen - wer Zeit mit ihnen bucht, der legt sich allerdings zu Puppen aus Silikon ins Bett. Zehn bis 15 Leute kommen täglich in das Etablissement, das als erstes Sexpuppen-Bordell Finnlands im November 2018 seine versteckte Tür öffnete.

„Es ist immer besser, Sex mit einem echten Menschen zu haben, aber aus verschiedenen Gründen wollen Leute eben unseren Club besuchen“, sagt der Betreiber von Unique Dolls. Vielen Gästen sei es wegen Schamgefühlen oder Zeitknappheit nicht möglich, eine Beziehung zu einem anderen Menschen einzugehen. „Und manche Leute wollen eine andere sexuelle Erfahrung sammeln“, sagt er.



Unique Dolls, übersetzt „Einzigartige Puppen“, klingt zunächst einmal harmlos. Das Konzept, das mit einem Sexpuppen-Bordell in Barcelona Ende 2017 in Europa begann, ist allerdings alles andere als unumstritten. In Freiberg am Neckar musste ein solches Bordell Ende Oktober dichtmachen. In ein anderes Etablissement in Dortmund kommen dagegen immer mehr Kunden, um Sex mit einer der 16 Liebespuppen auszuprobieren, wie der „Express“ kürzlich berichtete. „Von wegen nur Mädchen spielen mit Puppen!“, schrieb das Blatt dazu.

In Schweden fordern Frauenrechtsorganisationen bereits Gesetze gegen Sexpuppen und Sexroboter, die das Erlebnis mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz noch realistischer machen sollen. Sie fürchten, dass Frauen durch solche künstlichen Sexerlebnisse stärker als Objekte wahrgenommen werden und Gewalt gegen sie normalisiert wird. Es geht ihnen auch darum, Sexroboter zu verbieten, die Kindern gleichen. In den USA sollen solche Modelle bereits auf dem Markt sein.

Sind Sexpuppen und -roboter also Wegbereiter für Pädophilie und Vergewaltigungsfantasien? Werden Frauen - und auch Männer - zu reinen Lustobjekten degradiert? Oder ist es bloß eine neue Form des Beischlafs in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung? Der IT-Experte David Levy schrieb schon 2007 im Buch „Love and Sex With Robots“, Sex mit Robotern werde künftig ganz normal sein und von der Mehrheit der Menschheit als ethisch in Ordnung betrachtet werden.

Die Sozialpsychologin Yuefang Zhou beschäftigt sich seit längerem mit dem Phänomen. Ihrer Ansicht nach ist es zu früh, um zu sagen, ob künstliche Sexpartner Fluch oder Segen seien. „Wie bei jedem neuen Produkt gibt es zunächst einmal kein Gut oder Schlecht. Es geht darum, wie wir sie benutzen“, sagt die Gastforscherin der Universität Potsdam. Man könne die fortschreitende Digitalisierung aber nicht ignorieren. „Dazu zählt auch das, was wir als digitale Sexualität bezeichnen.“ Viele Leute seien offen dafür, diese neue Form der sexuellen Aktivität auszuprobieren. Tatsächlich würde laut der Zukunftsstudie „Homo Digitalis“ von BR, Arte, ORF und dem Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) etwa jeder fünfte Deutsche gerne einmal Sex mit einem Roboter ausprobieren.

Mit der klassischen Gummipuppe haben die heutigen Sexpuppen nur noch wenig zu tun. Sie können je nach Qualität einen fünfstelligen Betrag kosten. Im Unique Dolls wird ihr strapazierfähiges Silikon manchmal auf menschliche Körpertemperatur aufgeheizt, um das sexuelle Erlebnis möglichst realistisch zu machen. Die Puppen werden nach dem Sex penibel gereinigt. Bereitliegende Kondome sind Pflicht.

Zhou sagt, nicht nur Schüchterne seien an Sex mit Puppen interessiert, sondern auch Neugierige, die neue Erfahrungen wie etwa gleichgeschlechtlichen Sex suchten. Sie verweist aber auch darauf, dass selbst fortschrittlichere Sexroboter momentan noch von Kopf abwärts unbeweglich seien. Hinzu komme aus psychologischer Sicht noch etwas viel Entscheidenderes: die Emotionalität. „Zuneigung oder emotionale Bindung ist eine wichtige Dimension menschlicher Sexualität, neben anderem wie Begierde und Fortpflanzung. Du kannst keine Babys mit Puppen zeugen“, sagt sie.

Der Betreiber von Unique Dolls teilt diese Ansicht. „Sexpuppen können die reale Beziehung zwischen Männern und Frauen nicht ersetzen, Emotionen, Gefühle, Familie, Kinder und so weiter“, sagt er. „Sie sind dazu gemacht, Menschen dabei zu helfen, sexuelle Befriedigung zu erhalten, wenn sie diese nicht mit echten Menschen haben können.“

Unique Dolls

Bordoll in Dortmund

Express-Bericht zum Bordoll

Schwedische Frauenverbände im Expressen