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Bandenkriminalität grassiert
Nachts kommen die Planenschlitzer

Cottbus . Auf deutschen Autobahnen räumen Diebe Lkw aus und verursachen Milliardenschäden.

Sie kommen in der Nacht. Wenn Lkw-Fahrer auf den Rastplätzen an deutschen Autobahnen halten, um sich zur Ruhe zu legen, beginnt die Zeit der Planenschlitzer. Während der Fahrer vorne schläft, werfen sie hinten heimlich einen Blick auf die Ladung. Ist sie wertvoll, werden die Kumpels alarmiert. Die kommen dann mit einem Transporter angefahren, laden schnell so viel um, wie sie tragen können, und verschwinden wieder. „Geklaut wird eigentlich alles, was sich gut weiterverkaufen lässt. So sind schon ganze Lkw-Ladungen mit Fahrrädern entwendet worden, Kfz-Ersatzteile, Reifen oder aber Heimelektronik oder Haushaltgeräte“, berichtet Tom Bernhardt vom Landeskriminalamt (LKA) in Sachsen. Was sich ohne größeren Aufwand umladen lasse, sei auch als potenzielles Diebesgut zu betrachten: „Letztlich eine Frage der Logistik auf der Täterseite, welche ja auch darauf achten muss, flexibel und schnell zu bleiben.“

Die Masche ist nicht neu. Die Diebe werden aber immer dreister und schlagen häufiger zu. Allein in Sachsen gab es allein im ersten Quartal dieses Jahres 200 Fälle.

23. Januar: An der Autobahn A 13 haben die Planenschlitzer in der Nacht ihr Unwesen auf dem Rastplatz Am Kahlberg getrieben. Sie entwenden aus einem Lkw rund 30 Autoreifen im Wert von 5000 Euro. Der Fahrer des Lkw bemerkt die Diebe und ruft die Polizei. Da waren sie aber schon weg.



24. Januar: An der A 10 schlagen sie auf dem Rasthof Am Fichtenplan zu. Die Unbekannten entwenden von der Ladefläche eines Lkw 56 hochwertige Fernsehgeräte. Schaden: rund 110 000 Euro. Spuren der Täter: Fehlanzeige.

Weitere Fälle folgten. Der jüngste datiert auf Anfang Juni. „Gleich drei Anzeigen von Lkw-Fahrern wurden bei der Polizei erstattet, da sie auf dem Rasthof Freienhufener Eck Opfer von Planenschlitzern wurden. In allen drei Fällen wurden die Abdeckungen der Sattelauflieger aufgeschnitten, allerdings nichts gestohlen“, so die Info der Polizei.

Neuester Trick: Die Diebe versuchen offenbar, Lkw-Fahrer mit in die Fahrerkabinen eingeleitetem Gas einzuschläfern, um in Ruhe die Ladung abräumen zu können.

Die Ermittler haben auf den erneuten Anstieg der Fallzahlen reagiert. Seit 1. März gibt es beim LKA Sachsen eine Koordinierungsstelle „Plane“. „Dort werden präventive und repressive polizeiliche Maßnahmen für das Phänomen Planenschlitzen koordiniert“, erläutert Bernhardt. Beim LKA Brandenburg wurde die Ermittlungsgruppe „Plane“ eingerichtet. Inzwischen gehen die Ermittler noch einen Schritt weiter. Die Landeskriminalämter haben sich zusammengeschlossen und eine zentrale Koordinierungsstelle in Sachsen-Anhalt geschaffen. Denn die Diebe sind keine Einzeltäter, sie sind Teil eines Netzwerks, Teil der Organisierten Kriminalität.

Der durch den Diebstahl von Ladung aus Lkw verursachte direkte Schaden wird vom deutschen Versicherungsgewerbe auf rund 300 Millionen Euro pro Jahr geschätzt. Hinzu kommen Kosten durch Schäden an den Lkw, durch Dieselklau und durch Liefer- und Produktionsausfälle, die der Branchenverband Transported Asset Protection Association allein für Deutschland auf bis zu eine Milliarde Euro schätzt.