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Zum Beispiel Lena Meyer-Landrut
Wenn berühmte Frauen im Netz gehasst werden

Berlin. In den Online-Kommentarspalten geht es oft unter die Gürtellinie. Die Sängerin Lena Meyer-Landrut wehrt sich nun auf ihre ganz eigene Art. dpa

„Du dumme Schlampe“, „Hure“, „hässlich und nichts wert“, „Widerliches Weib“, „Du wirst nie genug sein“ – all diese Beschimpfungen haben Lena Meyer-Landrut erreicht. Die 27-jährige Sängerin hatte die Nase voll. Sie schrieb all das mit schwarzem Stift auf einen Spiegel und fotografierte sich darin mit Blitzlicht. Mit dem Selfie erreichte die ESC-Gewinnerin von 2010 innerhalb eines Tages rund 150 000 Likes, Tausende antworteten ihr.

„Der Hass im Netz betrifft alle Geschlechter, aber er nimmt bei Frauen eine andere Facette an“, sagt Ingrid Brodnig. Die Journalistin hat ein Buch darüber geschrieben, was Menschen einander im Internet antun. „Wenn Frauen online beleidigt werden, dann geht es sehr schnell um das Körperliche, dann wird es erniedrigend, das Aussehen wird herabgewertet, man wird als Schlampe bezeichnet.“ Schnell kommen auch Bedrohungen dazu, bei Frauen meist mit Vergewaltigung. Die Liste der Frauen, die über Erfahrungen damit sprechen, ist lang. Die Moderatorinnen Anja Reschke (NDR) und Dunja Hayali (ZDF) machen das seit Jahren öffentlich. Im Sommer ergoss sich so viel Hetze über Fußballexpertin Claudia Neumann, dass das ZDF Strafanzeige stellte.

„Es lag nicht an ihren Worten, sondern daran, dass ich begann, sie zu glauben“, schrieb im August die US-Schauspielerin Kelly Marie Tran in der „New York Times“. Die 29-Jährige war monatelang online gemobbt worden. Irgendwann löschte Tran den gesamten Inhalt ihres Instagram-Kontos. Der Account mit rund 238 000 Followern ist nun leer. Linken-Politikerin Julia Schramm sammelte Hassnachrichten – „leg dir mal ein paar titten zu, du nutte“ und Schlimmeres – in einem eigens eingerichteten Blog und veröffentlichte sie Anfang des Jahres als Buch. „Ich glaube, dass die meisten Männer, die solche Sachen schreiben, dass die auch gar nicht wissen, was das anrichtet“, sagte sie Deutschlandfunk Kultur.



„Es ist weniger beklemmend, brutal im Internet zu sein, weil ich den anderen nicht sehe, weil ich nicht ansehen muss, was ich auslöse“, erklärt Autorin Brodnig. Dazu kommt laut dem Sozialpsychologen Ulrich Wagner „brutaler Sexismus“, der sich zu der brutalen Sprache gesellt. Vor dem Aufkommen des Internets seien solche Gemeinheiten höchstens per anonymem Brief möglich gewesen, sagt der Psychologe. „Das hatte ja bei weitem nicht den Thrill, wenn man da erst zum Briefkasten gehen muss und sich dann vorstellt, in zwei Tagen kommt der Brief an. Das ist ja nicht so unmittelbar“, erklärt er die Zunahme an Hass. Die Verfasser handelten aus verschiedenen Motiven. „Dahinter kann so etwas wie Sexismus stehen, dahinter kann aber auch extreme Wut stehen“, sagt Wagner. Auch Brodnig sieht verschiedene Typen von Beleidigern. „Manche wollen Aggressionen abladen, manche erfreuen sich daran, andere zu erniedrigen.“ Trolle etwa seien nur dafür im Internet unterwegs, um sich am Leid anderer zu ergötzen.

Meyer-Landrut habe mit ihrem Spiegel-Selfie genau richtig reagiert, sagt Expertin Brodnig. Indem sie die Beleidigungen auf den Spiegel schreibe, zeige sie das Problem, ohne den Beschimpfenden eine Bühne zu bieten. „Auch wenn jemand total berühmt ist, nagt das an einem“, sagt Brodnig.

Sorge bereitet der Autorin ein ganz anderer Effekt: Studien etwa der Organisation Amnesty International zufolge trauten sich viele Frauen nach solchen Wellen von Hass nicht mehr, ihre Meinung kundzutun. „Da besteht die Gefahr, dass Frauen aus der öffentlichen Debatte verdrängt werden.“

Lena Meyer-Landrut fotografiert sich vor einem Spiegel, auf den sie Beschimpfungen, die sie erreicht haben, geschrieben hat. Foto: Lena Meyer-Landrut/Instagram/dpa
Lena Meyer-Landrut fotografiert sich vor einem Spiegel, auf den sie Beschimpfungen, die sie erreicht haben, geschrieben hat. Foto: Lena Meyer-Landrut/Instagram/dpa FOTO: dpa / Lena Meyer-Landrut