| 20:42 Uhr

Eine Stadt mit wechselhafter Geschichte
Von der Kohle zu Kongressen und Kultur

Im Stadtbild von Katowice trifft Tradition auf Moderne.
Im Stadtbild von Katowice trifft Tradition auf Moderne. FOTO: jwo
Katowice. In nur wenigen Jahren hat sich das polnische Katowice von einer Industriestadt in eine große Grünfläche verwandelt. Von Joachim Wollschläger

Wer vor zehn Jahren zum letzten Mal im polnischen Katowice war, das viele Deutsche noch unter dem Namen Kattowitz kennen, wird seinen Augen nicht trauen. Die einstige Industriestadt im sogenannten Ruhrgebiet Polens hat einen kompletten Strukturwandel hinter sich.

Die einstige Zechenstadt – 1990 gab es hier nach Auskunft von Krystian Gryglaszewski von der Stadtverwaltung noch vier Stahlhütten und 15 Bergwerke – hat sich weitgehend von der Kohle gelöst. Gerade mal drei Bergwerke gibt es noch in und um ­Katowice. „Wir wollen zeigen, dass es gelingen kann, eine einst schwarze in eine grüne Region zu verwandeln“, sagt Gryglaszewski.

Wie grün die Stadt in Oberschlesien ist, sieht der Besucher schnell, wenn er durch die Straßen fährt oder die Innenstadt bummelt. Überall gibt es Parks und sogar Wälder in der Innenstadt. Wo die fehlen, stehen Töpfe mit Büschen, Bäumen und Palmen, selbst Transformatorenhäuser und Trennwände sind üppig überwuchert. 42 Prozent Grünfläche habe die Stadt, sagt Gryglaszewski.



Katowice, das ist eine faszinierende Kombination aus Vergangenheit und Moderne. Expemplarisch dafür: Die frühere Zeche Ferdinand im Nordteil der Stadt. Nach 176 Betriebsjahren ist diese Zeche 1999 stillgelegt worden. Heute findet sich auf dem Zechen-Gelände nicht nur das Schlesische Museum, sondern auch ein Kongress-Zentrum, eine Veranstaltungshalle und die 2014 eröffnete Philharmonie, in der das Nationale Symphonieorchester des polnischen Rundfunks beheimatet ist.

Während das Schlesische Museum vor allem für die Auseinandersetzung mit der schwierigen Vergangenheit der Region steht – Oberschlesien war über die Jahrhunderte ein Schmelztiegel zahlreicher Nationen, stand mal unter tschechischer, mal deutscher und polnischer Herrschaft – stehen Philharmonie und Kongresszentrum für den Blick in die Zukunft.

Das Kongresszentrum, das mit seinen über 30 Konferenzräumen Platz für bis zu 15 000 Teilnehmer bietet – in Kombination mit der angeschlossenen Veranstaltungshalle Spodek („Untertasse“) sogar für 26 000 – macht Katowice zu einem Anlaufpunkt für Besucher aus der ganzen Welt. Im Dezember findet hier der Welt-Klimagipfel statt. Die Philharmonie wiederum gilt nach Aussage ihres Sprechers als einer der modernsten Konzertsäle und Referenzobjekt weltweit.

Wer Katowice entdecken will, sollte sich zu Fuß auf den Weg machen. Architektonisch präsentiert sich die Stadt als Mischung unterschiedlichster Baustile. Vor allem die Altstadt im Süden der Bahnlinie ist ein Fundort für Liebhaber von Gründerzeitarchitektur. Viele der Fassaden künden vom früheren Reichtum der Industriestadt, warten darauf, durch neuen Reichtum wieder instand gesetzt zu werden.

Sehenswert ist hier auch die im klassizistischen Stil erbaute Christkönigskathedrale. Mitte des vergangenen Jahrhunderts errichtet ist sie mit 100 Metern Länge und 50 Metern Breite die größte Kathedrale Polens. Nördlich der Bahnlinien findet sich das kommerzielle Zentrum der Stadt. Neben den ebenfalls erhaltenen, zahlreichen Gründerzeit-Bauten beherrscht hier vor allem sozialistische Architektur das Stadtbild. So wird der große Markt architektonisch beherrscht von funktionellen Fassaden in Glas und Beton, hier und da kontrastiert durch historische Bauten wie das neoklassizistische Schlesische Theater.

Katowice ist auch und vor allem wegen seiner industriellen Geschichte sehenswert. Hier empfiehlt sich neben dem Besuch der denkmalgeschützten Bergarbeitersiedlung Nikischowiec im Osten der Stadt auch ein Ausflug in die Region mit seiner Route der historischen Industriekultur. Historische Orte wie das Silberbergwerk in Tarnowsky Gory, ein Unesco-Welterbe, sowie zahlreiche Museen erlauben einen Blick in die Vergangenheit, die Katowice so erfolgreich mit der Zukunft verbunden hat.