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Experte Jürgen Rissland zur Corona-Krise
„Es scheint einen leichten Dämpfungseffekt zu geben“

 Jürgen Rissland ist am Universitätsklinikum des Saarlandes leitender Oberarzt am Institut für Virologie.   Foto: BeckerBredel
Jürgen Rissland ist am Universitätsklinikum des Saarlandes leitender Oberarzt am Institut für Virologie. Foto: BeckerBredel FOTO: BeckerBredel
Homburg. Der Virologe am Homburger Universitätsklinikum glaubt, dass die staatlich verordneten Kontakteinschränkungen bereits erste Wirkungen zeigen. Von Tobias Fuchs

Jürgen Rissland ist in der Corona-Krise ein gefragter Experte. Der Virologe am Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) in Homburg spricht im SZ-Interview über die Fallzahlen im Saarland, die Nähe zum Risikogebiet Grand Est – und die Dunkelziffer bei der Lungenkrankheit Covid-19.

Herr Rissland, Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) befürchtete 1000 Corona-Fälle zu Wochenbeginn. Gegenwärtig liegen die Infektionszahlen deutlich darunter. Breitet sich das Virus im Saarland langsamer aus?

JÜRGEN RISSLAND Zumindest haben wir Hinweise aufgrund der aktuellen Fallmeldungen, dass es einen leichten Dämpfungseffekt zu geben scheint. Nur: Ob der anhaltend ist und wie stark er sich auswirken wird, das ist derzeit noch nicht richtig absehbar.



Wie wirkt sich die räumliche Nähe zum Risikogebiet Grand Est auf die Fallzahlen im Saarland aus?

RISSLAND Wir haben momentan keinen Anhaltspunkt, dass dadurch die Viruszirkulation wesentlich verstärkt werden würde. Auch das sieht man daran, dass es jetzt eher diesen Abflachungseffekt gibt. Das Zusammenwirken der Maßnahmen sowohl in Frankreich, in der Region Grand Est, als auch bei uns trägt ja auch dazu bei, dass die Durchmischung der Bevölkerungen nicht allzu groß ist.

Wie wirkungsvoll sind die Maßnahmen, die Bund und Länder ergriffen haben?

RISSLAND Es sind die Maßnahmen, die man ergreifen kann und ergreifen muss, um tatsächlich Kontaktreduzierungen herbeizuführen. Das Ziel ist eigentlich nur, dass man möglichst versucht, die Anzahl der Kontakte zu verringern, die jeder von uns in seinem täglichen Leben hat, sei es privat, aber auch im Arbeitsleben. Auf diese Art und Weise kann man die Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus reduzieren. Die Maßnahmen sind natürlich sehr hart und rigide, aber sie scheinen schon jetzt einen Effekt zu haben. Man muss allerdings noch etwas abwarten, man darf den Tag nicht vor dem Abend loben.

Der Bund will das Infektionsschutzgesetz überarbeiten, im Kampf gegen das Virus neben den Ländern mehr Kompetenzen erlangen. Welche der geplanten Änderungen halten Sie für sinnvoll?

RISSLAND Dass sich der Bund in die Rolle bringt, dass er mehr zentrale Vorhaltemaßnahmen trifft, also beispielsweise Schutzausrüstung bestellt und einlagert, knappe Medikamente und Impfstoffe, das halte ich für eine grundsätzlich gute Idee. Ich glaube auf der anderen Seite, dass die Änderungen, die geplant sind, nicht so weit gehen, dass die eigentlich führende Rolle der Länder dadurch in Frage gestellt wird. Ich kann mir schon vorstellen, dass das ein tragfähiger Kompromiss ist.

Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer wegen milder Verläufe der Krankheit und fehlender Testkapazitäten ein?

RISSLAND Wenn man davon ausgeht, dass die absolute Mehrheit aller Fälle beim neuen Coronavirus milde verläuft, wird klar, dass die Dunkelziffer beträchtlich ist. Sie liegt vielleicht bei 80 Prozent oder noch mehr. Wir haben in der Vergangenheit schon relativ stark getestet, aber natürlich vor allem die Menschen, die Symptome haben – was auch Sinn macht. Aber faktisch ist es so, dass wir davon ausgehen dürfen, dass ein relativ großer Anteil der Menschen nur begrenzt merkt, dass er eine Infektion mit dem Coronavirus hatte. Das ist übrigens nichts Erstaunliches, sondern bei anderen respiratorischen Infektionen auch so – also bei Viren, die den Atemtrakt befallen. Da gibt es auch immer eine breite Streuung der klinischen Verlaufsformen.

Was haben Sie über das Virus gelernt, das Sie zuversichtlich stimmt?

RISSLAND Eine wesentliche Eigenschaft des Virus ist, dass es sich nicht groß verändert hat. Wir reden nicht nur über ein Virus, sondern über verschiedene Varianten, deren Erbsubstanz sich relativ einfach wandelt. Aber die Veränderungen, die bisher eingetreten sind, haben nichts an den grundsätzlichen Eigenschaften des Coronavirus geändert. Das heißt, das Virus ist nicht aggressiver geworden, es macht nicht kränker. Dass wir 80 bis 85 Prozent milde, zehn bis 15 Prozent schwerwiegende Verläufe haben, das ist gleichgeblieben über die Zeit. Zweiter positiver Aspekt ist, dass das Virus eine Fetthülle hat, die relativ empfänglich für einfache Maßnahmen ist – etwa das Händewaschen mit Seife. Seife reicht also aus, um das Virus abzutöten. So dass wir Möglichkeiten haben, die Weiterverbreitung im Alltag selbst mitbestimmen und einschränken zu können.