| 22:12 Uhr

„Ich war hier“ – digital

Florenz. Schon immer haben Menschen auf Sehenswürdigkeiten ihre Botschaften hinterlassen – und dabei historische Bauwerke verschandelt und beschädigt. In Florenz soll nun eine App Abhilfe schaffen. Afp-Mitarbeiterinlaure Brumont

"Ich war hier", Herzchen mit Initialen oder Smileys - keine Sehenswürdigkeit der Welt, an der Touristen sich nicht mit solchen Kritzeleien verewigen. Was Urlauber witzig finden, graust Restauratoren. Verbote zeigten bislang wenig Wirkung. In Florenz soll nun eine App Besucher und Denkmalschützer zufrieden stellen.

"MF+A" steht in roter Farbe auf dem grauen Stein des Campanile di Giotto, dem Glockenturm des Doms von Florenz . Doch an dieser Hinterlassenschaft stört sich niemand - sie ist rein virtuell. Auf Computern im ersten, dritten und vierten Stockwerk des Turms können Touristen ihre Botschaft hinterlassen. Die App "Autography" lässt den Benutzern die Wahl, ob sie auf Marmor, Holz oder Gemäuer kritzeln wollen und ob mit Filzstift, Pinsel oder Spraydose. Auf einer speziellen Webseite können sich die Touristen ihre Hinterlassenschaften auch noch ansehen, wenn der Urlaub längst vorbei ist.

400 Stufen führen hinauf zu Giottos Glockenturms, der eine fantastische Aussicht über die Dächer von Florenz bietet. Der Turm zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Das hat Millionen Besucher aber nicht davon abgehalten, die Wände des fast 700 Jahre alten Bauwerks zu beschmieren. "Der Turm war unglaublich heruntergekommen und verschmutzt", berichtet die Architektin Beatrice Agostini, die für die Restaurierung zuständig ist. Alle Bauteile seien über und über mit Graffiti beschmiert gewesen.

"Vor drei Monaten haben wir damit begonnen, zum ersten Mal überhaupt die Wände zu säubern", sagt Alice Filipponi, Social Media-Beauftragte der Organisation Opera di Santa Maria del Fiore, die sich in Florenz um den Erhalt des berühmten Doms kümmert. "Da fragten wir uns, was wir tun könnten, damit wir mit dieser ganzen Arbeit nicht bald wieder von vorne anfangen müssen." Filipponi hatte schließlich die Idee mit der App. Den Touristen des Glockenturms scheint sie zu gefallen: Bereits in der ersten Woche hinterließen 700 Besucher virtuelle Kritzeleien.

Die Botschaften reichen von Friedensappellen über das klassische "Pietro was here" bis zu Klagen über unerwiderte Liebe. All diese Hinterlassenschaften werden am Ende jeden Jahres ausgedruckt und im Archiv des Doms aufbewahrt - neben historischen Dokumenten wie zum Beispiel der Geburtsurkunde von Lisa Gherardini, die für Leonardo da Vincis Mona Lisa Modell gesessen haben soll. "Wir wollen ein Bewusstsein bei den Besuchern für Vandalismus schaffen, aber ihnen gleichzeitig die Chance geben, ein dauerhaftes Zeichen zu hinterlassen, ohne dabei das Bauwerk zu beschädigen", heißt es in einer Erklärung zu der neuen App.

Inzwischen sind die meisten Kritzeleien von den Wänden des Turms verschwunden - bis auf die ins Mauerwerk geritzten, gegen die auch die Restauratoren nichts ausrichten können. Als nächstes sind die Schmierereien in der Domkuppel an der Reihe. Und auch dort darf dann auf Tablets weiter gekritzelt werden.