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Geliebter Flohzirkus

Trajan führt die Zivilisation Rom in Sid Meier's Civilization 6 an.
Trajan führt die Zivilisation Rom in Sid Meier's Civilization 6 an. FOTO: 2K Games
Zweibrücken. Sid Meiers „Civilization“-Reihe war noch nie etwas für Gelegenheitsspieler. Zu tief musste man sich in die einzelnen Spielmechaniken knien, um eine Chance auf den Sieg zu haben. Der sechste Teil erklimmt auf diesem Weg neue Höhen. Trotzdem ergeben die vielen Einzelteile auch dieses Mal ein stimmiges Ganzes. Jan Althoff

Da sind sie schon wieder, die vom indischen Gottkönig Gandhi ausgesandten shintoistischen Missionare. Wie Schmeißfliegen umschwirren sie das Ewige Rom, um die Italiener zu ihrem Glauben zu bekehren. Und tatsächlich fallen Runde für Runde römische Bürger von der Staatsreligion ab, dem Groß A'Tuinismus. Unter dem frommen Dauerfeuer verschwindet ein heimischer Missionar nach dem anderen im Jenseits. Bis der weise Herrscher Trajan religiös gesehen in der eigenen Hauptstadt mit runtergelassenen Hosen dasteht und sich Glaubenskrieger erst im fernen Ostia herbeibeten muss. Man sieht: Im neuen "Civilization" knallt sogar die Religion.

Und nicht nur sie. Je weiter das Spiel voranschreitet, desto mehr Einheiten, Icons, Zahlen und Geländemodifikationen tummeln sich auf dem Bildschirm. Da den Überblick zu behalten, ist anstrengender denn je. Aber es lohnt sich. Denn tatsächlich hat jedes Element einen nachvollziehbaren Sinn. Mit einer Ausnahme: Was die Militäreinheiten der KI-Gegner mit ihrem konfusem Hin- und Hergeziehe bezwecken, wird wohl bis zum Ende aller Tage in den Tiefen des Quellcodes verborgen bleiben. Das gilt sogar dann, wenn die KI dem Spieler den Krieg erklärt hat. Oder, eine Stufe davor, auf dem Feld der Diplomatie. Da erscheint zum Beispiel alle paar Runden der norwegische Herrscher Harald Hardråde um uns zusammenhanglos mitzuteilen, dass unsere Bevölkerung groß ist. Einzige Reaktionsmöglichkeit: "Auf Wiedersehen!" Scheint ein merkwürdiger Kerl zu sein, dieser Harald. Schade, dass er uns nicht mag. Aber Civ-Kenner wissen: Auf die Dauer hassen einen Alle.

Vor den Konsequenzen muss man sich dennoch nicht allzu sehr fürchten. Denn wie bereits angedeutet, ist die KI bisher recht planlos. Jedenfalls, was den Krieg angeht. In wirtschaftlichen, technologischen und kulturellen Belangen gelingt es den bis zu 19 Gegnern hingegen recht schnell, den menschlichen Mitspieler abzuhängen. Das hängt womöglich damit zusammen, dass sich die KI-Spieler bereits von der ersten Runde an sicher sind, auf welche Art und Weise sie ihr Volk rundenweise durch die Jahrtausende zum Sieg führen wollen: Militärisch, religiös, wissenschaftlich oder doch kulturell?

Das Verhalten der Gegner wird von zwei Leitlinien bestimmt. Die eine ist ohne weiteres zu sehen. Die andere muss man erst einmal herausbekommen. Im Fall von Indien kann man wohl davon ausgehen, dass der Geheimplan etwas mit der Verbreitung des Shintoismus zu tun hat.

Doch egal, welcher Plan: ohne geht es nicht. Geht es weniger denn je. Denn in "Civilization 6" hängt irgendwie alles mit allem zusammen: Das gilt in diesem Teil ganz besonders für die Geländefelder. Bisher tummelten sich alle im Stadtbildschirm errichteten Bauwerke in einem unendlich großen Stadtzentrum. Die sechseckigen Felder dienten lediglich als Ressourcen-Quelle, die man mit speziellen Verbesserungen aufwerten konnte. Mittlerweile müssen hier zusätzlich noch Bezirke Platz finden, ohne die weiterführende Gebäude nicht gebaut werden können. Damit nicht genug, die umliegenden Felder haben auch noch Einfluss auf die Effizienz des Bezirkes. Wer bei der Stadtentwicklung nicht von Anfang an alle Optionen einkalkuliert hat, muss sogar unter Umständen wertvolle Ressourcenfelder für den gewünschten Bezirk entfernen lassen. Fies.

Ein Traum hingegen die Verdopplung des Technologie-Baumes: Er wird in "Civ 6" ergänzt durch den Ausrichtungsbaum, in dem man mit Kulturpunkten neue Politiken und Regierungsformen erforschen kann. Diese Politiken wiederum erscheinen als Karten, für die jede Regierungsform eine bestimmte Anzahl von Slots hat. Noch nie hat "Civilization" so sehr an ein Brettspiel erinnert.

Und das ist noch lange nicht alles. Mit einzukalkulieren in die siegreiche Führung einer Civ-Nation sind Dinge wie die individuelle zusammenbastelbare Religion, Erweiterungsplanung mit den Handwerkern, die sich mittlerweile nach drei (allerdings ohne Wartezeit!) ausgeführten Aufträgen in Luft auflösen, sind die Feinheiten stapelbarer Militäreinheiten, das Ringen um den Einfluss der Stadtstaaten, und, und, und.
"Civilization 6" ist wieder einmal viel Spiel fürs Geld, viel Grübeln, Tüfteln, Taktieren. Dann klappt's auch mit dem Groß A'Tuinismus. Der mittlerweile auch in Indien ziemlich verbreitet ist.
Wertung (Schulnote): 1-

Die Rough Riders sind die Spezialeinheit von Amerika in Civilization VI.
Die Rough Riders sind die Spezialeinheit von Amerika in Civilization VI. FOTO: 2K Games
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