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Weil die Konzentration leidet
Frankreich verbietet Handys an Schulen

Das Handy heimlich in der Tasche verstecken, um hin und wieder Nachrichten auf Facebook oder Snapchat zu lesen – das ist an französischen Schulen offenbar gängig. Mit dem neuen Gesetz soll sich das ändern.
Das Handy heimlich in der Tasche verstecken, um hin und wieder Nachrichten auf Facebook oder Snapchat zu lesen – das ist an französischen Schulen offenbar gängig. Mit dem neuen Gesetz soll sich das ändern. FOTO: dpa / Fred Dufour
Paris. Die Nationalversammlung hat ein Telefon-Verbot bis zur Oberstufe beschlossen. Wie es umgesetzt werden soll, ist allerdings noch offen. Von Christine Longin

Noch liegen Frankreichs Schulen im sommerlichen Dornröschenschlaf. Doch wenn im September der Unterricht wieder losgeht, soll sich zumindest für die Schüler von Grundschulen und Mittelstufen etwas ändern. Die Kinder bis 15 Jahre dürfen dann nämlich kein Handy mehr benutzen. Weder heimlich im Unterricht noch auf dem Pausenhof. Das sieht ein Gesetz vor, das die Nationalversammlung am Montagabend verabschiedete. „Statt Fußball oder Fangen zu spielen, starren die Kinder nicht selten auf dem Schulhof auf ihr Telefon“, begründete Bildungsminister Jean-Michel Blanquer im vergangenen Jahr seine Initiative. „Aus pädagogischer Sicht ist das problematisch.“

Der frühere Direktor der Elite-Hochschule ESSEC ist bei den Franzosen wegen seiner klaren Ansagen beliebt. Mit dem neuen Gesetz sieht er Frankreichs Schulen im 21. Jahrhundert angekommen. „Es sendet eine Botschaft an die französische Gesellschaft.“

Präsident Emmanuel Macron hatte das umfassende Handy-Verbot im Wahlkampf versprochen. Als Mann einer Lehrerin kennt er die Situation: Fast 90 Prozent der zwölf- bis 17-jährigen Franzosen haben ein eigenes tragbares Telefon. „Das größte Problem ist die Konzentration“, sagte die Lehrerin Chloe Ledrut dem Fernsehsender LCI. „Die Schüler haben ein solches Bedürfnis, regelmäßig ihr Handy anzuschauen, dass sie weniger aufmerksam im Unterricht sind.“ Die Praxis, das Telefon heimlich im Rucksack zu verstecken, um hin und wieder nach Nachrichten auf Facebook oder Snapchat zu schauen, ist in den Klassenzimmern weit verbreitet. Auch Socken oder BHs werden gerne als Verstecke genutzt.



Rund die Hälfte der „Collèges“, die von der sechsten bis zur neunten Klasse gehen, hat das Smartphone auf dem Schulhof bereits in der Hausordnung verboten. Im Unterricht untersagt der Bildungskodex aus dem Jahr 2010 die Nutzung von iPhone und Co. Grund für die Opposition, sich bei dem Gesetz zu enthalten. Sie sieht in dem Text, der dennoch mit 62 Ja- und einer Nein-Stimme angenommen wurde, reine Kosmetik. „Ein Text, der nichts bringt“, kritisiert auch die Elternvereinigung FCPE. Vor allem, weil das Verbot ohne pädagogische Begleitung erfolge und auch kein Unterricht zur Nutzung der digitalen Medien dazu gehöre. Das Gesetz sieht lediglich eine Aufhebung des Verbots zu „pädagogischen Zwecken“ vor. Auch für behinderte oder kranke Kinder soll eine Ausnahme gemacht werden.

Das Bildungsministerium verweist dagegen darauf, dass die neue Regelung, die auch Smartwatches und Tablets untersagt, die Autorität der Schulen stärkt. Die Beschlagnahmung eines Handys sei für die Schulleitung mit einem Paragraphen im Rücken leichter, argumentiert Blanquer. Allerdings bleiben Fragen offen. Beispielsweise, wie mit den eingezogenen Smartphones verfahren werden soll. Der Minister will im August mehrere Vorschläge machen. Dazu gehören Schließfächer, in denen die liebsten Spielzeuge der Kinder und Jugendlichen verwahrt werden sollen. Laut Gewerkschaft SNPDEN wären dafür mindestens drei Millionen neuer Schließfächer nötig. Bis zum Ferienende ist das sicher nicht zu schaffen.