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Feuerwehreinsatz
Feuerwehrmann greift gegen Gaffer durch

Gaffer behindern immer häufiger die Arbeit der Einsatzkräfte vor Ort. Bei einem schweren Unfall auf der Autobahn 3 vergangene Woche griff ein Feuerwehrmann zum Wasserschlauch gegen die Schaulustigen.
Gaffer behindern immer häufiger die Arbeit der Einsatzkräfte vor Ort. Bei einem schweren Unfall auf der Autobahn 3 vergangene Woche griff ein Feuerwehrmann zum Wasserschlauch gegen die Schaulustigen. FOTO: Ralf Hettler / dpa
Weibersbrunn/Homburg. Um Schaulustige zu vertreiben, nutzte ein Feuerwehrmann eine ungewöhnliche Methode: Spontan setzte er Wasser ein. Die Polizei kritisiert die Aktion. Verständnis kommt aus dem Saarland. Linda Vogt und Stephanie Schwarz

() Gaffer sind oftmals ein leidiger Bestandteil bei Einsätzen der Feuerwehr. Mit aller Macht versuchen sie, einen Blick auf das Unglück zu erhaschen. Maßnahmen, wie Schutzwände und höhere Strafen scheinen nur mäßigen Erfolg zu haben. Weil sich ein Feuerwehrmann nach einem schweren Unfall auf der A3 in Unterfranken am vergangenen Donnerstag nicht anders gegen die Gaffer zu helfen wusste, bespritzte er die Fahrzeuge der Schaulustigen mit Wasser. Die Polizei kritisiert die Aktion, die nicht abgesprochen gewesen sei. So sieht das auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP). Die Feuerwehr habe Aufgaben übernommen, die bei der Polizei lägen, sagte ein Sprecher.

„Das war natürlich keine geplante Aktion“, erklärt Otto Hofmann, der den Einsatz der Freiwilligen Feuerwehren bei Weibersbrunn im Landkreis Aschaffenburg geleitet hatte. „Dem Feuerwehrmann ist der Kragen geplatzt.“ Ungefähr jeder dritte Lastwagenfahrer habe versucht, Bilder von den Toten und der Unfallstelle zu machen. In einem Fall lag ein Fahrer sogar quer im Führerhaus, um Aufnahmen machen zu können. Schließlich habe der Brandschützer den Schlauch eingesetzt. Er bespritzte die Seitenfenster der Fahrzeuge, die sehr langsam an der Unfallstelle vorbeifuhren oder gar stehenblieben. Bei dem schweren Unfall starben drei Menschen. Fast zwölf Stunden am Stück arbeiteten manche der ehrenamtlichen Feuerwehrleute an der Unfallstelle.

Grundsätzlich funktioniere die Arbeitsteilung der Einsätzkräfte, betont der GdP-Sprecher. „Polizei, Rettungskräfte und Feuerwehr haben an der Unfallstelle ja das gleiche Ziel: Menschenleben retten.“ Und alle leiden unter den Gaffern, die den Verkehr behindern oder mit ihrem Verhalten sogar Unfälle provozieren.



Die Freiwillige Feuerwehr in Homburg setzt seit mehr als einem Jahr nun Sichtschutzwände – sogenannte Gafferwände – gegen Schaulustige ein, um diesen die Sicht zu nehmen. Die Wände waren notwendig, denn die Unsitte, bei Unfällen zu fotografieren, hatte ein gravierendes Ausmaß angenommen. Nach einem Jahr zieht Homburgs Wehrführer Peter Nashan Bilanz und sagt: „Wir haben nur positive Erfahrungen damit gemacht.“ Das Problem sei damit nicht gänzlich gelöst, denn oftmals machten Gaffer bereits Fotos und Videos bevor die Einsatzkräfte überhaupt eintreffen. Aber: „Die Gafferwände schrecken die Menschen schon ab“, sagt Nashan.

Das Problem habe sich insbesondere durch Smartphones verstärkt, darüber sind sich alle Befragten einig. Die Politik hat darauf reagiert: Seit Mai gilt es als Straftat, bei Unglücksfällen vorsätzlich Einsatzkräfte zu behindern. Darauf stehen nun Geldstrafen oder bis zu ein Jahr Haft.

Beim bayerischen Innenministerium schätzt man den Zwischenfall auf der A3 als Notlösung ein. Nach dem Feuerwehrgesetz des Landes haben Einsatzkräfte allerdings die Befugnis, Personen von Unfallstellen zu verweisen – auch unter Einsatz unmittelbaren Zwangs, sagt ein Sprecher. Nach dem Vorfall habe Einsatzleiter Hofmann das Gespräch mit seinem Feuerwehrmann gesucht. „Solche Aktionen dürfen auf keinen Fall Schule machen“, sagt er – auch wenn dieser Fall bei Kollegen und in der Bevölkerung durchaus auf Sympathie traf. Hofmann stellt klar, es sei zwar menschlich nachvollziehbar, gegen Gaffer einschreiten zu wollen, aber „die gehen uns eigentlich nichts an“.

Auch Nashan kann die Reaktion des Feuerwehrmanns in dieser Situation nachvollziehen, bezeichnet den Einsatz von Wasser jedoch als „letztes Mittel gegen Gaffer, wenn überhaupt“. Denn eigentlich sei es die Aufgabe der Polizei, den Gefahrenbereich zu räumen. Verständlich sei es auch, wenn Einsatzkräften im Umgang mit Schaulustigen, die kein Schamgefühl haben, mal der Kragen platzt. Wie der Feuerwehrmann reagierte, sei vielleicht einfach der stressigen Situation geschuldet gewesen: „In diesem Moment ist es möglicherweise die einzige Lösung für die Feuerwehr gewesen, Herr der Lage zu werden“, sagt Nashan. In seinem Team würde man jedoch nicht zu dieser Methode greifen, dafür seien ja die Gafferwände angeschafft worden.

Was jedoch in der ganzen Situation um den Wassereinsatz leider zur Nebensache geworden sei, fügt Na­shan hinzu: „Bei diesem Unfall sind drei Menschen gestorben. Das ist das Schlimmste.“

Dem Feuerwehrmann, der die Gaffer mit Wasser bespritzt hatte, droht übrigens kein Strafverfahren. Denn bislang habe keiner der betroffenen Lastwagenfahrer Strafanzeige gegen den Mann gestellt, teilte die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg gestern mit. Außerdem sieht die Behörde aktuell keinen Anlass, ein Verfahren von Amts wegen gehen den Mann einzuleiten.