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USA
Das Land, in dem „bigger“ besser ist

Je pompöser, desto besser: In der Stadt Sarasota im US-Bundesstaat Florida reiht sich eine Villa an die nächste. Ein Leben in Saus und Braus gilt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach wie vor als erstrebenswert.
Je pompöser, desto besser: In der Stadt Sarasota im US-Bundesstaat Florida reiht sich eine Villa an die nächste. Ein Leben in Saus und Braus gilt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach wie vor als erstrebenswert. FOTO: picture alliance / Robert Schles / dpa Picture-Alliance / Robert Schlesinger
New York. Ein XXL-Lebensstil gilt in den USA seit jeher als Maß aller Dinge. Einige wollen sich dem entziehen — und bleiben die Ausnahme. Von Johannes Schmitt-Tegge, dpa

Sogenannte „Miniacs“ schwören in den USA auf XXS. Sie basteln noch kleiner als viele Modellbauer in Europa. In ihren mikroskopischen Welten sind Chipstüten und Kaffeebecher so groß wie Cent-Münzen, realistisch aussehende Laptops haben Dimensionen eines Streichholzheftchens, und Bücher passen auf Fingerkuppen. Wer auf der Bastler-Webseite Etsy nach dem Stichwort „Miniature“ sucht, erhält 445 000 Ergebnisse. Den „Miniacs“ geht es wie deutschen Modellbauern häufig darum, sich in großen Fantasiewelten auf kleinem Maßstab verlieren zu können. Doch hier liegt die Betonung auf Fantasiewelt. In den USA bleiben „Miniacs“ und Minimalisten nämlich die Ausnahme.

Hip sind nach wie vor größere Autos, größere Häuser, größere Portionen: „Bigger is better“ heißt es oft dort, wo Konsum und Überfluss gern buchstäblich groß geschrieben werden. Selbst Single-Verbraucher greifen im „Superstore“ gern zu Familienpackungen, SUV-Geländewagen wirken mitunter wie Monster-Trucks, und Einkaufszentren können Kleinstädten gleichen. Oder wie Donald Trump im Ratgeber „The Art of the Deal“ von 1987 schrieb: „Wenn du ohnehin schon nachdenkst, kannst du auch gleich im großen Stil denken.“

Und trotzdem gibt es Amerikaner, die einen verschlankten Alltag zu schätzen lernen. Sie leben in kompakten Häusern, verabschieden sich vom Überfluss und predigen Minimalismus. Einige fertigen winzige Versionen von Alltagsgegenständen, Haustieren oder sich selbst an und bilden ihr Leben spielerisch im Kleinen ab. Geht der Trend im XXL-Land langsam hin zu XXS?



Bei Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus kam die Unzufriedenheit schleichend. „Karrieren mit sechsstelligen Gehältern, Luxusautos, übergroße Häuser und der ganze Kram, der jede Ecke unserer konsumgetriebenen Leben verstopft“ – das hätte sie einfach nicht glücklich gemacht, schreiben die beiden auf ihrer Webseite. Millburn und Nicodemus gelten als Propheten eines von Überfluss befreiten Lebens.

Doch die beiden bleiben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Ausnahme. Nicht allen fällt die Verschlankungskur leicht. Den Marktforschern vom Unternehmen SpareFoot zufolge zahlt jeder elfte Amerikaner umgerechnet rund 80 Euro im Monat, um persönliche Dinge langfristig in Lagerhallen zu verstauen. Das Geschäft mit der Gewissheit, sich von alten Möbeln, alter Kleidung oder der Ski-, Surf- und Kletterausrüstung nicht trennen zu müssen, bringt der Webseite Curbed zufolge jedes Jahr einen Umsatz von 38 Milliarden Dollar (33 Milliarden Euro). 50 000 Einrichtungen für das „Self Storage“ gibt es einem „Bloomberg“-­Bericht zufolge landesweit.

Denn Amerikaner akzeptierten Größe nicht nur, sondern verherrlichten sie, schreibt Kirkpatrick Sale in seinem Buch „Human Scale Revisited“. „Größe ist das Maß für Exzellenz: bei Autos, Tomaten, Häusern, Publikum, Gehältern, Wolkenkratzern, Muskeln und Fisch.“ Die Menschen wüssten nicht wirklich, „wie viel genug ist“, und gingen deshalb von der Formel „bigger is better“ aus. Supermärkte in den USA führen heute im Schnitt 40 000 Produkte mehr als Ende der 1990er Jahre.

Bestens ins Bild passt auch US-Präsident Donald Trump. Zu seinen Lieblingswörtern zählt „huge“ – auf Deutsch: groß, riesig, gewaltig.