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Australier plant Suizid
Ein 104-Jähriger will sterben

Der australische Botanik-Professor David Goodall (links) verabschiedet sich am Flughafen von seinem Enkel. Goodall fliegt um die halbe Welt, um sich seinen allerletzten Wunsch zu erfüllen.
Der australische Botanik-Professor David Goodall (links) verabschiedet sich am Flughafen von seinem Enkel. Goodall fliegt um die halbe Welt, um sich seinen allerletzten Wunsch zu erfüllen. FOTO: dpa / Sophie Moore
Basel. Ein hochbetagter Australier sucht in der Schweiz nach Unterstützung beim Suizid. Ärzte prüfen seine Urteilsfähigkeit.

(dpa) Mit 102 Jahren hat David Goodall noch kampfeslustig seinen Arbeitsplatz an der Universität Perth in Westaustralien verteidigt. Damals hatte ihm die Uni sein Büro streitig machen wollen, doch der alte Mann setzte sich durch. 2016 war das, aber nun, findet der australische Botanikprofessor, soll Schluss sein: „Ich will sterben“, sagte er an seinem 104. Geburtstag Anfang April in einem Interview. „Ich bedauere es sehr, dieses Alter erreicht zu haben.“ Goodall hat sich auf den Weg in die Schweiz gemacht. Dort will er sein Leben kommende Woche mit Unterstützung der Organisation Lifecircle beenden.

Goodall sagt, er habe nach einem Sturz vor ein paar Monaten keine Lebensqualität mehr. Er benutze einen Rollator, könne nicht mehr gut schmecken, riechen und sehen, was seine Arbeit am Computer einschränkt. Auch das Theaterspielen habe er aufgeben müssen. Von geistiger Altersschwäche kann aber keine Rede sein. Klar sagt er, was er will: „Wenn sich jemand in meinem Alter das Leben nehmen will, sollte das ok sein, ich finde, da hat sich niemand einzumischen.“

Vor seinem geplanten Suizid in Basel hat sich der australische Botaniker David Goodall im Kreis von Verwandten im französischen Bordeaux von der Reise aus Australien erholt. „Er ist guter Dinge“, sagte der Direktor der Sterbehilfe-Organisation Exit International, Philip Nitschke. Goodall ist seit Jahren Mitglied der Organisation.



Goodall habe befürchtet, an der Ausreise gehindert zu werden, nachdem er öffentlich gemacht hatte, dass er zum Sterben in die Schweiz reisen wollte. Er sei sich seiner Absicht nach wie vor sicher. In Bordeaux verabschiede er sich von dort lebenden Angehörigen. Er wolle am Montag nach Basel reisen. Dort würden weitere Angehörige aus den USA erwartet, sagte Nitschke. Goodall sei dreimal verheiratet gewesen und habe deshalb Familie auf verschiedenen Kontinenten.

Ob Goodall tatsächlich einen tödlichen Medikamentencocktail erhält, entscheidet sich nach einer Untersuchung seiner Urteilsfähigkeit. „Nur wenn zwei Ärzte überzeugt sind, dass er 100-prozentig klar in seinem Wunsch ist, findet die Begleitung statt“, sagte Erika Preisig, Ärztin und Gründerin des Vereins Lifecircle, der Goodall betreuen will. Lifecircle spricht wie ähnliche Organisationen von „Freitodbegleitung“, nicht von Suizid. Der Verein hat 2017 nach ihren Angaben 73 Menschen in den Tod begleitet.

Preisig setzt sich für eine Legalisierung der Sterbehilfe in aller Welt ein. „Ich bin der Meinung: Jeder, der älter als 85 ist, soll ohne Rechtfertigung sterben dürfen“, sagte sie. „Herr Goodall und andere sollten das Recht haben zu wünschen, dass sie nicht völlig pflegebedürftig weiterleben müssen.“

Gegner der Sterbehilfe wie der Verein Christdemokraten für das Leben argumentieren, Angehörige könnten Sterbehilfe aus Kostengründen missbrauchen. Andere Wege der Leidensminderung könnten zugunsten der „bequemeren“ Lösung verworfen werden.

In Deutschland wurde organisierte Suizidhilfe 2015 unter Strafe gestellt. Im März 2017 entschied das Bundesverwaltungsgericht, der Staat dürfe in „extremen Ausnahmefällen“ und bei einer unerträglichen Leidenssituation den Zugang zu einem verschreibungsfähigen Betäubungsmittel nicht verwehren, wenn es einem schwer und unheilbar kranken Patienten eine würdige und schmerzlose Selbsttötung ermöglicht. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisiert das Urteil.

Viele medizinische Interventionen bei Hochbetagten seien nur eine Lebensverlängerung, aber keine -verbesserung, sagt Preisig. Oftmals zögerten medizinische Interventionen am Lebensende das Sterben hinaus. Preisig wirbt dafür, in hoffnungslosen Fällen auf teure Therapien zu verzichten und das Geld in gute Palliativpflege zu investieren, also schmerzmindernde Betreuung am Lebensende. Die meisten Menschen würden sich dann gegen einen Freitod entscheiden.