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Prozess gegen Duisburgs Ex-OB
Die Loveparade ist sein Schicksal

Duisburgs ehemaliger Oberbürgermeister gestern im Zeugenstand: Für das Unglück bei der Loveparade 2010, bei der 21 Menschen starben, wollte er damals die politische Verantwortung nicht übernehmen.
Duisburgs ehemaliger Oberbürgermeister gestern im Zeugenstand: Für das Unglück bei der Loveparade 2010, bei der 21 Menschen starben, wollte er damals die politische Verantwortung nicht übernehmen. FOTO: Federico Gambarini / dpa
Düsseldorf. Nicht wenige hätten ihn gerne auf der Anklagebank gesehen: Duisburgs Ex-Oberbürgermeister Sauerland musste im Loveparade-Prozess in den Zeugenstand. Von Frank Christiansen

„Für uns ist er der eigentliche Schuldige“, sagt Paco Zapater in einer Verhandlungspause. Der Spanier hat bei der Loveparade-Katastrophe 2010 seine Tochter Clara verloren. Zapater meint Duisburgs Ex-Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU), der seit gestern in dem Prozess aber nur als Zeuge aussagen muss. Die Ermittlungen hatten ihn entlastet. Glaubt man Sauerland, war er selbst mehr Getriebener denn Macher des Technospektakels. Der Kommunalverband Ruhr habe es der Stadt angetragen. Er habe die Bewerbung in den Stadtrat eingebracht und auch selbst dafür gestimmt, dann aber das organisatorische und genehmigungsrechtliche Klein-Klein seiner Verwaltung überlassen. „Dieser Herr weiß nichts. Alles waren die anderen. Ein Bürgermeister, der nichts entscheidet, nichts weiß und herumsteht wie ein Deko-Stück – was will man mit dem?“, empört sich Zapater.

Und sogar dem Vorsitzenden Richter scheint die vorgetragene Unkenntnis Sauerlands immer dann, wenn es konkret wird, aufzustoßen: „Klein-Erna würde sagen: Das ist alles komisch. Wir reden hier ja nicht über den Flohmarkt in Duisburg-Marxloh. Wir reden über die Loveparade. Das ist schwer nachvollziehbar.“ Ob es jemals eine größere Veranstaltung in Duisburg gegeben habe, will der Richter wissen. „Die World Games 2005 waren auch groß“, antwortet Sauerland. Für Sauerland ist die Loveparade längst zum eigenen Schicksal geworden. Er, der das politische Wunder vollbracht hatte, der SPD die Macht im Duisburger Rathaus zu entreißen, erlebte mit der Katastrophe seinen Karriereknick. Im Zeugenstand stellte sich der 62-Jährige gestern als Pensionär vor.

Bei der Loveparade am 24. Juli 2010 in Duisburg starben im Gedränge des einzigen Zugangs 21 Menschen, mindestens 652 wurden verletzt. Der Prozess gegen Mitarbeiter der Stadt Duisburg und des Veranstalters Lopavent hatte im Dezember begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen unter anderem fahrlässige Tötung wegen Fehlern bei der Genehmigung und Planung der Großveranstaltung vor.



Es habe namhafte Kritiker der Loveparade in Duisburg gegeben, räumt Sauerland ein. Etwa den Duisburger Polizeipräsidenten und seinen eigenen Ordnungsamtsleiter. Er persönlich sei auch kein Freund der Parade gewesen, behauptet Sauerland sogar. Er habe auch kritische Vermerke gelesen, aber schließlich seien die notwendigen Genehmigungen ja erteilt worden. Daraus schließe er, dass die Bedenken ausgeräumt worden seien. Aktiv eingegriffen habe er jedenfalls nicht. Über die eigentliche Genehmigung der Loveparade eine Woche vor dem Großereignis sei er per SMS in seinem Urlaub in den Bergen informiert worden.

Als der Richter Vermerke und Protokolle vorliest, in denen es heißt, der Oberbürgermeister sei verwundert oder sehe das auch so, verlässt den Zeugen Sauerland die Erinnerung. Laut Vermerken teilt Dezernent Wolfgang Rabe bei Schwierigkeiten wegen zu wenig Fluchtwegen mit: „Schließlich will der OB die Veranstaltung.“ Es müsse „eine Lösung gefunden werden“. Damit konfrontiert sagt Sauerland, Rabe habe seinen Willen aus den beiden Ratsbeschlüssen zur Loveparade abgeleitet.

Der CDU-Politiker war nach der Tragödie massiv in die Kritik geraten, weil er die politische Verantwortung nicht übernehmen wollte und mitteilte, dass es am Sicherheitskonzept nicht gelegen haben könne. Im Februar 2012 wählten ihn die Duisburger in einem Bürgerbegehren mit großer Mehrheit ab.

Nach jahrelangem Schweigen hatte sich Sauerland 2016 erstmals öffentlich zum Unglück geäußert – und Fehler eingeräumt. Nach der Katastrophe 2010 habe er sich bemüht, keine juristischen Fehler zu machen und dabei „das Mitgefühl für die Angehörigen vergessen“, sagte er. „Wahrscheinlich hätte ich viel früher auf die Opfer zugehen müssen.“