| 23:25 Uhr

Zahl der Toten steigt
Die griechische Tragödie geht weiter

Bild der Zerstörung: In einer Brand-Ruine im Ferienort Mati sucht eine Helferin nach Vermissten.
Bild der Zerstörung: In einer Brand-Ruine im Ferienort Mati sucht eine Helferin nach Vermissten. FOTO: dpa / Thanassis Stavrakis
Athen. Nach den verheerenden Waldbränden bei Athen steigt die Zahl der Opfer, während Details des Dramas das Land erschüttern. dpa/afp

Die Szene wiederholt sich immer wieder: Feuerwehrleute und freiwillige Helfer gehen von Tür zu Tür und suchen in den zerstörten Häusern in der Urlaubsregion von Rafina, Mati und Neos Voutzas im Osten Athens nach Opfern. „Hallo! Hallo! Ist jemand da“, heißt es immer wieder. Es folgt Totenstille. Langsam gehen die Feuerwehrleute in die Häuser hinein. Sie haben Schlimmes gesehen und sind auf Schreckliches vorbereitet. Fernsehbilder zeigen diese schlimmen Szenen immer wieder.

Allein in den vergangenen zwölf Stunden wurden fünf verkohlte Leichen entdeckt. Bislang sind 80 Tote gezählt worden. Zwar hat sich die Lage nach der Katastrophe leicht entspannt. Fast alle Brände sind gestern unter Kontrolle, im Westen Athens kämpft die Feuerwehr noch gegen ein Feuer. Doch die bange Frage im Land lautet: Wie viele Tote gibt es noch in den mehr als 1000 zerstörten Häusern in den betroffenen Orten? Dutzende Menschen werden noch vermisst. Die Identifizierung der Opfer ist schwierig und könnte Wochen dauern. Die meisten sind nämlich verkohlt. DNA-Tests werden notwendig sein, sagen Experten. Die Bürgermeister der Region befürchten, dass die Zahl der Opfer am Ende dieses Dramas dreistellig sein könnte. Verwandte haben eine inoffizielle Seite eingerichtet und Fotos von Vermissten veröffentlicht.

Dramatische Details des Dramas werden nach und nach bekannt. Ein etwa 13 Jahre altes Mädchen habe sich in einen Steilhang gestürzt – als es keinen Ausweg mehr gab. „Ihre Kleider brannten. Das Flammeninferno hinter ihr. Sie stürzte in die Tiefe und war auf der Stelle tot“, sagte eine Augenzeugin mit Tränen in den Augen im Fernsehen. Ebenfalls schrecklich ist das, was ein Feuerwehrmann aus Mati erzählt. Er habe in einem verbrannten Auto die völlig verkohlten Leichen des Fahrers und der Beifahrerin gesehen. „Was sind das für Rucksäcke hinter ihnen, habe ich mich gefragt“, sagte der Mann im Rundfunk. Dann stellte er schweißgebadet fest, die vermeintlichen Rucksäcke seien Kinder gewesen, die sich um den Hals ihrer Eltern offenbar in den letzten schrecklichen Minuten ihres Lebens geklammert hatten.



Für die Überlebenden muss es nun weitergehen. Es wird aber wohl sehr lange dauern, bis die Menschen sich von dem Erlebten erholt haben – und die Region. Die Strom-und Wasserversorgung, das Telefon und Internet sind weitgehend unterbrochen. Es könnte Wochen dauern, bis die Infrastruktur einigermaßen wieder intakt ist, schätzen Bürgermeister der Region. Tausende Häuser sind unbewohnbar und müssen abgerissen werden.

Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft von Athen eine Untersuchung eingeleitet. Die Ursachen der Katastrophe sollen ermittelt werden. Experten sind sich jedoch weitgehend einig. Egal aus welchem Grund der Brand ausbrach – die freiwilligen Helfer, die Feuerwehr und allen voran die Einwohner von Mati, Neos Voutzas und Rafina hatten keine Chance, die Katastrophe zu stoppen. Winde der Stärke 9 erzeugten binnen Minuten ein Flammenmeer. Wer Glück hatte, konnte sich zum nahegelegenen Meer flüchten.

Analysten und Bürger versuchen in den Medien die Ursachen der Katastrophe zu finden. Mal ist die Feuerwehr Schuld, die keinen Plan hatte. Mal ist die Finanzkrise Schuld. Die Feuerwehr sei nicht gut ausgerüstet und die Löschflugzeuge veraltet. Einige heben hervor, dass in Griechenland die Freiwillige Feuerwehr nicht richtig funktioniere. Ein Offizier der Küstenwache, der an den Rettungsaktionen aus dem Meer teilgenommen hatte, ist sich sicher: „Diese Tragödie tut weh und wird uns noch lange beschäftigen.“

Schon jetzt ist es der folgenschwerste Waldbrand in Griechenland seit gut 40 Jahren. Neben der EU bot auch die deutsche Bundesregierung Hilfe an.

Sie hat überlebt: Rettungskräfte bringen eine verletzte Frau in Sicherheit.
Sie hat überlebt: Rettungskräfte bringen eine verletzte Frau in Sicherheit. FOTO: dpa / Thanassis Stavrakis