| 22:40 Uhr

Tierschutz-Projekt
Die Bambi-Retter, die aus der Luft kommen

Drohnen mit Wärmebildkameras sollen in Feldern versteckte Kitze aufspüren: Bundesweit laufen solche Tierschutz-Projekte, wie hier bei Gera.
Drohnen mit Wärmebildkameras sollen in Feldern versteckte Kitze aufspüren: Bundesweit laufen solche Tierschutz-Projekte, wie hier bei Gera. FOTO: dpa / Bodo Schackow
Gera. Tausende Rehkitze sterben jedes Jahr durch Mähdrescher. Um das zu verhindern, setzen Tierschützer auf Drohnen über Feldern.

Brummend schwebt eine Drohne am frühen Morgen über dem Feld. Eine Wärmebildkamera an der Unterseite macht Temperaturunterschiede auf einem Monitor sichtbar. „Ein Reh hat eine Körpertemperatur von 39 Grad Celsius, der Boden ist deutlich kühler“, sagt Dagmar Seidenbacher vom Projekt Rehkitzrettung Gera. So können die Wildretter erkennen, ob sich ein junges Reh im hohen Gras versteckt, das an diesem Tag gemäht werden soll. Als sie ein Bambi aufspüren, holen sie es vorsichtig heraus und legen es am Feldrand ab. Die Mutter kommt schon kurze Zeit später nach ihrem Kitz gucken. „Familienzusammenführung gelungen“, sagt Andreas Nowack zufrieden, der Fotos für das Projekt macht.

Bis zu 100 000 Kitze finden in Deutschland jährlich den Tod, weil sie bei Mäharbeiten von den Maschinen erfasst werden, berichtet Nicole Elocin. „Wir wollten unbedingt etwas tun, um den Tieren das grausame Schicksal zu ersparen.“ Und so zieht sie mit ihren Mitstreitern morgens los, um ihre Drohne zu starten. In vielen Teilen Deutschlands laufen ähnliche Projekte.

Die Drohne aus Gera ist bereits in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen geflogen. Nicht immer ist ihr Einsatz erfolgreich, doch allein in diesem Jahr haben die Helfer fast ein Dutzend Rehkitze aus Feldern geholt. Dort liegen sie, weil die Rehmütter sie dort lassen, während sie auf Nahrungssuche gehen. In den ersten Lebenswochen verfügen die Jungtiere noch nicht über einen natürlichen Fluchtinstinkt, sondern kauern sich reglos auf den Untergrund. So könnten sie leicht von Maschinen erfasst werden.



Eigentlich sollte es die Unfälle mit Rehkitzen gar nicht geben. „Die Landwirte sollen die Jagdpächter immer vor der Mahd informieren“, sagt Elocin. Dies ergebe sich aus dem Tierschutzgesetz, wonach niemand ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund töten, ihm Schmerzen oder Leiden zufügen darf. „Früher sind Jäger oft mit Hunden losgegangen, um die Kitze zu finden“, erzählt die Gruppe. Heutzutage seien aber immer weniger ausgebildete Hunde im Einsatz. Mit dem Versuch, Jagdpächtern und Landwirten ihre Drohne als Ersatz anzubieten, scheiterten die Tierschützer bislang. „Das bringt doch nichts“, habe es oft geheißen. Doch sie ließen sich nicht entmutigen, zumal ihnen der Flug nicht verweigert werden darf. Stundenlang fliegen sie über die Felder, Helfer mit Funkgeräten werden zu den Punkten gelotst, wo sich Kitze verstecken. Vorsichtig werden die kleinen Rehe dann mit Hilfe dicker Grasbüschel aufgehoben, in einen Karton gesetzt, an den Feldrand getragen und im Schatten abgelegt. „Sie sollen nicht nach Mensch riechen, weil ihre Mutter sie sonst nicht wieder annimmt“, erklärt Nowack.

Komplett ehrenamtlich machen die Rehkitz-Retter aus Gera und Zeitz ihren Job, durchstreifen am Morgen stundenlang Felder, um Jungtiere zu retten. Auch ihre Drohne haben sie privat finanziert. Im kommenden Jahr wollen sie eine weitere anschaffen – wenn das Geld für den Flugroboter, Wärmebildkamera und Monitor reicht. Der Bedarf wäre da und die ersten Buchungen für 2019 sind eingegangen.

Bis zu 100 000 Rehkitze werden auf Deutschland Feldern jedes Jahr von Landmaschinen erfasst.
Bis zu 100 000 Rehkitze werden auf Deutschland Feldern jedes Jahr von Landmaschinen erfasst. FOTO: dpa / Silas Stein