| 23:33 Uhr

„Speed Eater“ gehen an körperliche Grenzen
Das große Fressen in den USA

Sieger Joey Chestnut verdrückte 74 Hotdogs.
Sieger Joey Chestnut verdrückte 74 Hotdogs. FOTO: dpa / Bebeto Matthews
New York. Die „Speed Eater“ gehen nicht nur beim alljährlichen Hotdog-Wettessen in den USA an ihre körperlichen Grenzen.

„Vier, drei, zwei, eins“, skandiert die Masse – und das große Stopfen beginnt. Zum Gejohle der Schaulustigen schiebt Joey Chestnut sich in New Yorks Strandbezirk Coney Island mit verzogenem Gesicht hastig einen Hotdog nach dem anderen in den Mund. Neben ihm auf der Bühne kauen Herausforderer, die vorhaben, mehr der Brühwürste in Weizenbrötchen als der Titelverteidiger zu verschlingen. Am Ende triumphiert der Champion: Chestnut isst in zehn Minuten 74 Hotdogs.

Das Wettessen in Coney Island geht auf eine Marketing-Aktion im Jahr 1972 zurück und wird seitdem jährlich zum Unabhängigkeitstag der USA am 4. Juli abgehalten. Das Wort „Essen“ ist beschönigend – die Teilnehmer des Wettkampfs pressen sich die Hotdogs förmlich in den Rachen. Auch ins Wasser tunken ist erlaubt, damit die Würste besser durch die Speiseröhre flutschen. Es ist ein skurriles und aus Sicht mancher oft perverses Spektakel. Der Sportsender ESPN und Dutzende in- und ausländische Medien berichten live.

Im Land der großen Portionen haben sich Essens-Wettkämpfe zu einer eigenen Disziplin entwickelt. Zu verdanken ist das auch George Shea, der Wettesser mit dem Verband Major League Eating (MLE) landesweit zu Tisch bittet. Auf der Speisekarte steht so ziemlich alles, was man gut mit der Hand essen kann: Pizza, Burger und Tacos, Sandwiches und Hähnchenteile, Maiskolben und hartgekochte Eier, aber auch Eiscreme, Donuts und Kürbiskuchen. Regional passend könne es im Staat Maine auch mal Hummer, in Idaho Kartoffeln und in New Orleans Austern geben, sagt Shea. Hinter den Aktionen stehen Lebensmittel-Hersteller, die ihre Produkte bewerben.



„Es ist wie ein Extremsport“, sagt Drew Cerza, der in Buffalo im Staat New York ein beliebtes Wettessen für Chicken Wings organisiert. „Die Leute sind einfach besessen vom Essen und der Kultur des Essens.“ Wie beim Wrestling gehe es aber auch um die Charaktere, um ihre Namen und ihre Vorgeschichte. Chestnut sei zum Beispiel ein guter „Volumen-Esser“. Seiner Wikipedia-Seite zufolge verschluckte der Mann (1,85 Meter, 104 Kilogramm) in kürzester Zeit unter anderem eine unfassbare Menge an Bratwürsten, Hamburgern, Pizza, Corned-Beef-Sandwiches, Shrimp-Teigtaschen, Ribeye-Steaks und Makkaroni mit Käsesoße. Er wirkt stämmig, aber nicht übergewichtig.

Ein guter „Speed Eater“ muss strategisch vorgehen – „wie viele Bisse er nimmt, wie oft er kaut und wann er zwischen Schlucken und mehr Essen manövriert“, erklärt Profi-Esser Bill Myers dem Magazin „Atlantic“. Auch Fasten, Hypnose oder Übungen zur Koordination von Händen und Augen gehören für einige zum Training, andere trinken literweise Wasser und erweitern ihre Mägen, bis sie brechen müssen. Nachgewiesen sind Gesundheitsrisiken nicht. Doch das Massen-Mampfen lebt den Fans immerhin vor, dass Völlerei dann und wann vertretbar ist.

40 Prozent aller Amerikaner gelten der Gesundheitsbehörde CDC zufolge als fettleibig. Und hatte die frühere First Lady Michelle Obama mit ihrem Gemüsegarten noch gesunde Ernährung gepredigt, lebt der Präsident und Fastfood-Freund Donald Trump der Bevölkerung nun das Gegenteil vor. Laut dem Fitness-Branchenverband IHRSA steigt die Zahl der Fitnessclubs und deren Mitglieder stetig und lag 2017 bei 38 000 Clubs beziehungsweise 61 Millionen Kunden. Zumindest in der Liga der Vielesser scheint das große Fressen bis an die körperlichen Grenzen aber salonfähig.

Die Profi-Esser bei Nathan’s locken jedes Jahr ein johlendes Publikum an, der Wettkampf wurde inzwischen auch auf andere Bundesstaaten ausgeweitet. Joey Chestnut – mit dem Spitznamen „Jaws“ (Kiefer) – hat gestern erneut den „Senf-Gürtel“ gegen seinen Hauptkonkurrenten Carmen Cincotti verteidigt und seinen 11. Sieg geschafft. Mit 74 Wurstbroten überbot er seinen eigenen Rekord um zwei Hotdogs. Wie bei allen MLE-Wettkämpfen war ein Arzt anwesend, zugelassen sind nur Esser über 18 Jahre. Zwischenfälle gab es noch nicht, doch der Verband warnt auf seiner Webseite: „Probieren Sie Speed Eating nicht zu Hause aus.“