| 22:59 Uhr

Tote und Verletzte
Blutiges Schul-Drama auf der Krim

An einer Schule in Kertsch auf der Halbinsel Krim, die Russland vor vier Jahren von der Ukraine annektierte, schoss ein 18-Jähriger gestern um sich und tötete mindestens 18 Menschen. Dann tötete er sich selbst.
An einer Schule in Kertsch auf der Halbinsel Krim, die Russland vor vier Jahren von der Ukraine annektierte, schoss ein 18-Jähriger gestern um sich und tötete mindestens 18 Menschen. Dann tötete er sich selbst. FOTO: dpa / Catherine Keizo
Kertsch. Auf der von Russland annektierten Halbinsel tötet ein 18-Jähriger mindestens 18 Menschen. Es ist wohl ein Amoklauf. Um Politik geht es aber auch. Von Friedemann Kohler, dpa

Olga Grebennikowa war völlig fassungslos. „Es ist alles voller Leichen, alles voller Kinderleichen. Ein richtiger Terrorakt!“, rief die Schulleiterin ins Telefon. Neugierige filmten sie mit der Videokamera. Laut berichtete Grebennikowa von einem Angriff auf ihre Berufsschule in der Stadt Kertsch. „Kinder sind tot. Mitarbeiter sind tot.“ Von mindestens 18 Opfern und mehr als 40 Verletzten berichtete die Polizei.

Ein Terroranschlag, ein Amoklauf? Der Angriff erinnert Russland an einige seiner schlimmsten Alpträume. Und er ereignete sich ausgerechnet auf der Halbinsel Krim, die Russland erst vor vier Jahren der Ukraine weggenommen hat.

In Russland trieb die Annexion des Gebiets am Schwarzen Meer 2014 die Popularität des Präsidenten Wladimir Putin in die Höhe. Doch bis auf wenige Ausnahmen sieht der Rest der Welt den Anschluss als Verletzung des Völkerrechts. Ein eigens organisiertes Krim-Referendum wird nicht anerkannt. Und in Moskaus Herrschaft über die Halbinsel schwingt immer Nervosität mit.



Schüsse in einer Schule hat Russland schon einmal durchlebt. „Ein Terrorakt wie in Beslan“, sagte Schuldirektorin Grebennikowa. Am 1. September 2004 stürmten tschetschenische Terroristen die Schule der Stadt Beslan im Nordkaukasus und nahmen mehr als 1100 Geiseln. Nach drei Tagen endete das Drama in einer missglückten Befreiungsaktion. In der stundenlangen Schießerei starben 331 Geiseln, darunter mehr als 180 Kinder.

Doch in Kertsch scheint es eher um den anderen Alptraum aller Lehrer, Schüler und Eltern zu gehen – den Amoklauf eines Schülers. Ein 18-jähriger Berufsschüler soll geschossen und einen Sprengsatz gezündet haben, bevor er sich selbst tötete.

Auch Amokläufe an Schulen hat es in Russland schon gegeben, doch noch nie mit so schweren Folgen. Im Januar ereigneten sich innerhalb einer Woche gleich drei Vorfälle mit insgesamt rund zwei Dutzend verletzten Jugendlichen: Im sibirischen Ulan-Ude, im Gebiet Tscheljabinsk und in der Stadt Perm wurden sie von Mitschülern mit Messern oder einer Axt angegriffen. Doch der massive Einsatz von Schusswaffen gestern in Kertsch erinnert eher an das Massaker in einer Schule in Columbine in den USA 1999. Damals hatten zwei Schüler 13 Menschen erschossen und 24 verletzt.

Kertsch, 144 000 Einwohner, ist auf der Krim nicht irgendeine Stadt. Durch Kertsch laufen aller Verkehr und die gesamte Versorgung der Halbinsel aus Russland. Hier endet die neugebaute Brücke, die seit Mai befahren werden darf – ein milliardenteures Prestigeobjekt des Kremls. Denn eine natürliche Verbindung hat die Krim nur zum ukrainischen Festland.

Durch die Meerenge von Kertsch fahren russische wie ukrainische Schiffe ins Asowsche Meer. In dem flachen Binnenmeer, das dicht am Kriegsgebiet Ostukraine liegt, haben die Spannungen in den vergangenen Monaten zugenommen. Es ist also kein Wunder, dass die russische Führung direkt nach dem Angriff Zivilschutz, Geheimdienste, Militär und das Anti-Terror-Komitee alarmierte und den Schutz der Brücke verstärkte. Für Unglücke und Anschläge auf der Krim hat Russland in den vergangenen Jahren immer die Ukraine verantwortlich gemacht. Doch diesmal soll der mutmaßliche Täter in sozialen Netzwerken stolz Bilder von Putin gepostet haben. Dennoch verstärkte die Ukraine vorsorglich die Sicherheit an den Übergängen zur Krim.