| 22:43 Uhr

Brandanschlag an S-Bahnhof
Attacke auf Obdachlose erschüttert Berlin

Brandspuren zeugen von dem Anschlag an einem Fahrstuhlschacht am Berliner S-Bahnhof Schöneweide: Hier schliefen die beiden Obdachlosen am Sonntagabend, als der Täter sie anzündete – und lebensgefährlich verletzte.
Brandspuren zeugen von dem Anschlag an einem Fahrstuhlschacht am Berliner S-Bahnhof Schöneweide: Hier schliefen die beiden Obdachlosen am Sonntagabend, als der Täter sie anzündete – und lebensgefährlich verletzte. FOTO: dpa / Britta Pedersen
Berlin. Er zündete zwei schlafende Männer an und floh: Nach einem grausamen Angriff an einem S-Bahnhof sucht die Polizei nach einem unbekannten Täter. dpa

Der Angriff ist heimtückisch und grausam: Zwei obdachlosen Männer schlafen auf ihrem Lager an einem belebten Bahnhof im Osten Berlins, als der Täter sich am späten Sonntagabend nähert. Er gießt eine Flüssigkeit über seine Opfer, greift zu Feuerzeug oder Streichholz und zündet die Männer an. Zeugen aus einem benachbarten Imbiss eilen zu Hilfe und löschen die Flammen. Vermutlich retten sie den Männern das Leben. Trotzdem werden die Opfer – der eine 47, der andere 62 – lebensgefährlich verletzt, wie die Polizei sagt. Die Männer kommen ins Unfallkrankenhaus Berlin, wo sie seither behandelt werden. Einer liegt in einem Schutzkoma, das den Körper schont.

Der Leiter der Bahnhofsmission Berlin-Zoologischer Garten, Dieter Puhl, reagierte gestern unmittelbar. „Wir empören uns über die Übergriffe gegenüber obdachlosen Menschen, die uns bekannt werden“, schrieb Puhl, der seit Jahren Obdachlose in Berlin betreut, bei Facebook und betonte: „Die Dunkelziffer ist doch leider deutlich höher. Nötigungen, Beleidigungen, Körperverletzungen, Gewalt, Vergewaltigungen – vieles wird doch gar nicht zur Anzeige gebracht.“

Die Polizei geht nach den ersten Ermittlungen von einem Einzeltäter aus. Dieser entkommt nach dem Angriff gegen 23 Uhr am Bahnhof Schöneweide. Noch in der Nacht inspizieren Experten von der Kriminalpolizei den Tatort. Sie suchen in dem zum Teil verbrannten Lager der Obdachlosen zwischen Einkaufswagen, Decken, Kissen und Kleidungsstücken nach Spuren. Eine Mordkommission übernimmt die Ermittlungen zu dem brutalen Angriff und befragt Zeugen, prüft außerdem, ob es Videoaufzeichnungen vom Täter aus dem Bahnhof gibt. Hinweise zu dem Unbekannten oder zu einem Motiv waren zunächst nicht bekannt, auch weitere Fragen blieben offen. Zum Beispiel die, ob es sich bei der brennbaren Flüssigkeit um Benzin, Brennspiritus oder um hochprozentigen Schnaps handelte.



Dass der Gesuchte überhaupt Flüssigkeit dabei hatte und einsetzte, könnte auf eine geplante Tat hinweisen. Stammt der Täter aus einem rechtsextremen Umfeld, gehört er zu einer aggressiven, aber unpolitischen Szene junger Männer oder selbst zum Obdachlosen-Milieu? Diese Fragen versucht die Polizei nun zu beantworten.

Die beiden Männer, beides Deutsche, lagerten an einem Fahrstuhlschacht auf dem Bahnhofsvorplatz, der zwischen dem Bahnhofsgebäude, einem großen Einkaufszentrum, einer Hauptverkehrsstraße und Imbissen liegt – von allen Seiten gut sichtbar, was den Täter offenbar aber nicht abhielt.

In Berlin gibt es nach Schätzungen zwischen 4000 und 10 000 Menschen, die auf der Straße oder in Parks leben. Anschläge auf Obdachlose gibt es immer wieder. Allein in der deutschen Hauptstadt registrierte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe elf Gewalttaten gegen Obdachlose seit Jahresbeginn. Insgesamt habe die Zahl schwerer Gewalttaten gegen Menschen, die auf der Straße leben, in Deutschland seit 2012 leicht zugenommen. Das hänge möglicherweise mit der steigenden Zahl Wohnungsloser zusammen, erklärte die Organisation. Von 1989 bis Ende 2017 registrierte die Organisation mindestens 240 getötete Obdachlose und rund 850 Fälle schwerer Körperverletzung.

Der aktuelle Fall erinnert an einen Angriff auf einen Obdachlosen am Weihnachtsabend 2016 im Berliner U-Bahnhof Schönleinstraße. Eine Gruppe Jugendlicher hatte – aus Langeweile – versucht, einen auf einer Bank schlafenden Obdachlosen anzuzünden. Die Haupttäter wurden zu Haftstrafen verurteilt.