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100 Jahre Linienflug
Als das Fliegen noch Luxus war

  Eine Stewardess der Lufthansa zapft in den 60er Jahren in 10 000 Metern Höhe ein Bier vom Fass. In 100 Jahren hat sich Fliegen sehr verändert. Früher galt es als Luxus, heute gehört es zum modernen Lebensstil dazu .
Eine Stewardess der Lufthansa zapft in den 60er Jahren in 10 000 Metern Höhe ein Bier vom Fass. In 100 Jahren hat sich Fliegen sehr verändert. Früher galt es als Luxus, heute gehört es zum modernen Lebensstil dazu . FOTO: dpa / Georg Göbel
Paris. Als vor 100 Jahren der erste Linienflug startete, war Fliegen eine mondäne Veranstaltung. Heute tragen Passagiere Jogginghosen. Von Julia Naue und Julia Kilian (dpa)

Die Welt ist nur ein paar Flugstunden entfernt. Kaum ein Ort, der sich nicht erreichen lässt. Und das im Vergleich zu früher auch noch zu verhältnismäßig erschwinglichen Preisen. Vor 100 Jahren begann, was wir heute unter moderner Luftfahrt verstehen – wenn auch viel kleiner und um einiges abenteuerlicher. Damals gab es die ersten regelmäßigen Passagierflüge.

Am 22. März 1919 zum Beispiel öffnete die internationale Luftverkehrsstrecke von Paris nach Brüssel. Sie gilt als eine der ersten dieser Art. Man konnte Tickets vorher kaufen und der Flieger flog, egal ob ausgebucht oder fast leer. Eine kleine Revolution.

Die französische Airline Lignes Aériennes Farman führte die Flüge durch. Und wer Bilder von 1919 sieht, dem wird vielleicht Himmel, Angst und Bange: In einer Maschine der Airline ähneln die Sitze eher Gartenstühlen. Von Sicherheitsgurten keine Spur. Nur gut ein Dutzend Gäste hatte Platz. In einem Jahrhundert hat sich viel geändert.



„Ganz früher musste der Pilot ein Stück weit Abenteurer sein, um sich dieser neuen Technik zu verschreiben. Und die Passagiere übrigens auch. Die mussten das Abenteuer ja mitmachen“, sagt Luftfahrtexperte Cord Schellenberg. Dann machte das Abenteuer dem Luxus Platz. Die frühe moderne Luftfahrt sei von der Schifffahrt inspiriert gewesen. Man reiste mit Hutkoffern und ein Steward bediente die Passagiere.

Der Luxus habe mit den ersten großen Flugzeugen begonnen, sagt Autor Gunter Hartung. In den USA fing das etwa in den 1930er Jahren an, andernorts später. „Die Fliegerei war eine ausgesprochen mondäne Veranstaltung.“ Piloten galten als „Götter über den Wolken“ und Stewardessen hatten Renommee. „Es wurde geraucht aus allen Rohren“, sagt Hartung.

Einst flogen ausschließlich Wohlhabende mit dem Flugzeug in die Metropolen der Welt. In den 1960er Jahren sei Fliegen auch in Deutschland zum Massenphänomen geworden, so Hartung. Folgen des Wirtschaftswunders. Und während manche mit dem Auto nach Norditalien bretterten, flogen andere schon nach Mallorca. „Der Tourismus boomte.“ Es gab mehr Airlines und die Preise sanken.

Nach Daten des Weltluftfahrtverbands IATA sind in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen geflogen. Im Jahr 2017 wurden erstmals mehr als vier Milliarden Fluggäste registriert. Und im Himmel über Deutschland waren im vergangenen Jahr so viele Flugzeuge unterwegs wie nie. Laut IATA-Prognose könnte sich die Zahl der Flugpassagiere weltweit in den nächsten 20 Jahren noch verdoppeln.

Fliegen gehöre heute zum modernen Lebensstil, sagt Experte Schellenberg. Es gibt Low Cost, Classic, Business, First Class, Deluxe oder Privatjet. Damit hat sich aber auch das Flugerlebnis verändert. Denn wer günstig fliegt, muss auf Annehmlichkeiten verzichten, die früher selbstverständlich waren. Kampf um die Gepäckablagen, in denen Passagiere kostenfrei ihr Handgepäck unterbringen wollen? Früher undenkbar.

Wer alte Bilder von damals durchschaut, findet Frauen mit Kostümchen und Männer im Anzug. Heute tragen Passagiere auch schon Jogginghose und klemmen sich das Nackenhörnchen hinter den Kopf. War Fliegen also schicker? Früher sei durch die Exklusivität des Fliegens zum Beispiel die Zuwendung des Personals größer gewesen, sagt Journalist Hartung, der sich seit rund 50 Jahren mit dem Fliegen beschäftigt. „Es war auch vieles freier.“ Damals habe man auch mal ins Cockpit gucken dürfen, was heute nicht mehr gehe. Auch bei den Airlines hat sich viel verändert. Es arbeiten auch nicht mehr nur Frauen als Flugbegleiterinnen. Heute verkaufen Stewardessen und Stewards nebenher noch Parfüm, Computerzubehör und bei mancher Airline auch Rubbellose.

Laut Hartungs Schilderung haben Linienflüge innerhalb eines Landes übrigens schon früher begonnen. 1914 habe es eine erste regelmäßige Flugverbindung in Florida gegeben, für die Passagiere auch bezahlten. Die Maschine flog nur ein paar Minuten von Saint Petersburg nach Tampa. Damals hätten die Piloten noch im Freien gesessen, schreibt der Autor. Heute unvorstellbar.