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Südafrika vor der Wahl
Mandelas Erben blicken ernüchtert auf ihr Land

Johannesburg. Der Jubel über die neu gewonnene Freiheit und Demokratie ist in Südafrika 25 Jahre nach der Abschaffung des rassistischen Apartheid-Regimes der Enttäuschung gewichen. Vor den Wahlen am kommenden Mittwoch stöhnen die Menschen über Korruption, Rekordarbeitslosigkeit und Armut. Von Kate Bartlett und Jürgen Bätz, dpa

Vieles hat sich seit der Wende zur Demokratie für die schwarze Bevölkerungsmehrheit verbessert, doch die von manchen Politikern versprochenen blühenden Landschaften und üppigen staatlichen Wohltaten sind ausgeblieben.

„Ich habe 1994 zum ersten Mal gewählt und war sehr glücklich und aufgeregt“, erinnert sich der 64-jährige James Mavuza. Damals standen die Menschen vor den Wahllokalen stundenlang Schlange. Heute ist Mavuza arbeitslos und lebt in Johannesburgs Armenviertel Alexandra, wo sich entlang verdreckter Straßen Wellblechhütten drängen. Zu Hause hat Mavuza weder fließend Wasser noch eine Toilette. Seit 20 Jahren steht er auf der Warteliste für eine Sozialwohnung. Bislang vergeblich.

Rund 27 Millionen Südafrikaner sind am Mittwoch aufgerufen, die 400 Abgeordneten des Parlaments sowie Provinzvertretungen zu wählen. Mit der Bekanntgabe der Ergebnisse wird am kommenden Samstag gerechnet. Das neue Parlament wählt dann den Staatspräsidenten.



Die einst vom Anti-Apartheid-Kämpfer Nelson Mandela geführte Regierungspartei Afrikanischer Nationalkongress (ANC) geht als klarer Favorit ins Rennen. Für die meisten schwarzen Südafrikaner käme es einem Verrat gleich, nicht für die Partei der Befreier zu stimmen. Umfragen zufolge wird der von Präsident Cyril Ramaphosa geführte ANC wohl weniger Stimmen als bei der letzten Wahl 2014 mit 62 Prozent bekommen, aber immer noch eine absolute Mehrheit.

Die führende Oppositionspartei, die Demokratische Allianz (DA), kann mit rund 20 Prozent rechnen. Die Partei hat historisch großen Rückhalt bei der weißen Minderheit, die rund acht Prozent der 56 Millionen Südafrikaner ausmacht. Viele unzufriedene Schwarze wenden sich hingegen der linksgerichteten Partei der Wirtschaftlichen Freiheitskämpfer (EFF) zu. Beobachter erwarten, dass die Populisten ihren Stimmanteil von zuletzt gut sechs Prozent ausweiten werden.

Südafrika blickt auf ein verlorenes Jahrzehnt zurück. Unter Präsident Jacob Zuma (2009-2018) florierte die Korruption, die Staatsschulden wuchsen und es gab häufig Stromausfälle. Die Wirtschaft aber stagnierte und die Arbeitslosigkeit erreichte neue Rekorde. Als Zuma Anfang 2018 vom ANC zum Rücktritt gedrängt wurde, übernahm Ramaphosa das Ruder. Er verspricht einen Neuanfang.

Doch in Alexandra haben viele die Hoffnung aufgegeben. „Wir gehen wählen, aber alles was wir bekommen, sind Versprechen“, klagt die 27-jährige Maulein Dikobo. Während sich im Armenviertel nichts ändere, lebten Politiker „in Luxus“. Das trifft auch auf Ramaphosa zu, der in seinen Jahren in der Privatwirtschaft ein Vermögen von mehreren hundert Millionen Euro angehäuft haben soll. Auch sein Neuanfang-Image hat einen Haken: Ramaphosa war Vizepräsident unter Zuma – doch er will nichts von dessen Machenschaften gewusst haben.

Südafrika ist die am meisten entwickelte Wirtschaft des Kontinents. Doch rund 30 Millionen Menschen – zumeist Schwarze – leben der Regierung zufolge in Armut. „Südafrika ist eines der ungleichsten Länder in der Welt und die Ungleichheit hat seit dem Ende der Apartheid 1994 weiter zugenommen“, kommentiert die Weltbank. Trotz aller Verbesserungen unter den ANC-Regierungen in 25 Jahren: Selbst Präsident Ramaphosa räumt ein, dass noch viel zu tun ist.